Der "Vater" der H-Bombe, Edward Teller, ist gestorben

22. September 2003, 12:36
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An der Entwicklung der Atom- wie der Wasserstoffbombe maßgeblich beteiligt, kalkulierte der aus Ungarn gebürtige US-Physiker Edward Teller das Szenario des Kalten Krieges

Wien - Generationen von Nachkriegskindern wurden im Deutschunterricht mit Dürrenmatts Die Physiker oder Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer zu glühenden Wissenschaftsskeptikern erzogen. Mit beklommenem Unbehagen wurden in der Epoche des Kalten Kriegs die Menetekel der Atom- wie der Wasserstoffbombe wie Vernichtungsandrohungen gelesen. Stets schwang dabei das Bild von Edward Teller, dem "Vater" der Wasserstoffbombe, verlässlich mit:

Darf die Wissenschaft der Menschheit Mittel an die Hand geben, womit jene ihren Bestand nachhaltig gefährdet? Und kann man Wissenschafter für deren vorsätzlich "zweckfreies" Tun moralisch haftbar machen? Der 1908 in Budapest als Sohn eines jüdisch-ungarischen Rechtsanwalts geborene Atomphysiker Edward Teller hat sich diesen Fragen gestellt: Obwohl er, der als Emigrant bei dem Physiker Niels Bohr in Dänemark gearbeitet hatte, dem Forscherstab von Enrico Fermi angehörte und ab 1944 in Los Alamos, New Mexico, mit Kollegen wie Oppenheimer, Bethe und Konopinski an der Entwicklung der Atombombe wesentlich beteiligt war, schwor Teller dem verheerenden Einsatz der Kernwaffen über Hiroshima und Nagasaki nachträglich ab.

Von Oppenheimer überredet

Er habe sich lediglich von Oppenheimer dazu überreden lassen. Vielleicht, so Teller, hätte eine Zündung über Tokio zu Demonstrationszwecken ausgereicht, um Japans Widerstand zu brechen. Fort-an schreckte Teller nicht davor zurück, Optionen, die das Atomwaffenarsenal nahe legte, auch zu Ende zu denken.

Der geniale Physiker, der ab 1945 in Chicago das Institut für Kernforschung leitete, legte ab 1949 seine Arbeitsergebnisse dem Beratungsausschuss der US-Atombehörde vor. Der Bau der H-Bombe, gedacht als Überwindung des Atom-Patts zwischen den Supermächten, wurde nach einigem Zögern 1952 - basierend auf Tellers Formel - ins Werk gesetzt. Der Erstversuch auf dem Atoll der Marshall-Inseln glich einer Epochenzäsur. Ab nun schien die Logik der Vernichtungsandrohung über alle Bedenken - moralische oder philosophische - zu obsiegen. Hat es im Nachhinein einen Sinn zu sagen: Es ging gut aus? Bis ins hohe Alter wurde Teller nicht müde, die Bombe als Instrument der Friedenssicherung zu preisen: "Atomwaffen sind nicht da, angewendet zu werden, sie sind da, um die Anwendung zu verhindern." Von der nachwachsenden Friedensbewegung wurden dergleichen Sätze als authentischer Ausdruck von Zynismus gelesen.

Für die Sache gestritten

Für "seine" Sache stritt Teller unbeirrt. Als Mitglied des Beratungsausschusses der US-Atomenergiekommission trat er gegen jede Art der Limitierung von Atomwaffenversuchen ein. Der Atomkrieg schien ihm "machbar". In den Hearings des Senats vor Unterzeichnung des Atomsperrvertrags 1963 machte er als Hardliner ebenso von sich reden, wie er '79 auch gegen den Abschluss des SALT-II-Abkommens mit der Sowjetunion verlässlich wetterte. Noch Präsident Ronald Reagan stützte seine Ideen für das Raketenabwehrsystem SDI auf Tellers optimistische Prognosen. Doch die Geschichte ging darüber hinweg. In den späten 80ern befasste sich Teller in Stanford mit Grundlagen der Supraleitung. Auf dem Campus-Gelände ist er nun 95-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 11.9.2003)

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    An der Entwicklung der Atom- wie der Wasserstoffbombe maßgeblich beteiligt, kalkulierte der aus Ungarn gebürtige US-Physiker Edward Teller das Szenario des Kalten Krieges.

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