Ärztedienste im Spital müssen kürzer werden

17. September 2003, 09:45
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Nach Urteil des Europäischen Gerichtshofs darf ein Arztdienst wöchentlich 48 Stunden nicht übersteigen - in Österreich sind 60 Stunden erlaubt

Wien/Graz - Der europäische Entscheid schlägt derzeit in Deutschland noch größere Wellen als in Österreich: Demnach muss ärztlicher Bereitschaftsdienst in Krankenhäusern (selbst wenn man sich in einem Ruheraum befindet) in vollem Umfang als Arbeitszeit anerkannt werden - etwas, das in Österreich allerdings längst der Fall ist. Für Deutschland bedeutet das Schätzungen zufolge aber mindestens 15.000 zusätzliche Ärzte.

Ärzteeinkommen

Österreich ist hingegen von einem zweiten Passus im Urteil betroffen: Der Europäische Gerichtshof erneuert nämlich seine Forderung, dass Ärzte nicht länger als 48 Stunden pro Woche im Dienst sein dürfen. Hierzulande sind jedoch auch 60 Stunden erlaubt. Die Regierung gibt "Anpassungsbedarf" zu. An einer Novelle des Ärztearbeitszeitgesetzes wird bereits gearbeitet. Bei einem Gesundheitsgipfel am Donnerstag soll die Angelegenheit besprochen werden, kündigte Sozialminister Herbert Haupt gegenüber dem STANDARD an. Sein Problem: Das würde das Ärzteeinkommen schmälern, weil weniger Nachtdienste gemacht werden dürfen. Deswegen sind vor allem die Turnusärzte gegen Änderungen. Haupt sagt, er habe vor allem die Sicherheit der Patienten im Auge.

Medizinerausbildung liege im Argen

Laut Spitalsärztevertreterin Gabriele Kogelbauer gibt es aber ein noch viel drängenderes Problem, das eigentlich schon ein ausgewachsener Skandal sei: "Bei den Turnusärzten wird es demnächst krachen, so wie bei der Pflege in Lainz." Die Medizinerausbildung liege im Argen. "Turnusärzte sitzen nur mehr wie Sekretärinnen am Computer und tippen." Dagegen seien die Probleme rund um die Rufbereitschaft ein geringeres Übel. Selbst wenn der Arzt nur daheim abrufbereit bleibt, gibt es ein - länderweise unterschiedliches - Honorar, das Kogelbauer allerdings als "schändlich" betrachtet.

Übervolle Abteilungen

Vor einem weiteren Bettenabbau in den Spitälern warnt indessen die Ärztekammer. Sie präsentierte am Dienstag eine Umfrage unter 300 Primarärzten. Demnach leiden österreichweit 28 Prozent aller Spitalsabteilungen unter chronischer Überbelegung. Fast drei Viertel registrierten zumindest zeitweilig einen Bettenmangel, berichteten der steirische Ärztekammerchef Dietmar Bayer und der Bundeskurienobmann der Angestellten Ärzte, Harald Mayer, in einer Pressekonferenz. Am meisten von Überbelegung betroffen sind interne Abteilungen vor allem in den Großstädten - hier werden auch die pflegebedürftigen alten Menschen aufgenommen. Gelöst wird das Problem meist, indem in einer anderen Abteilung Betten "ausgeborgt" werden. Unter Bettenknappheit leiden auch häufig die Chirurgie sowie die Intensivstationen. Solange es nicht Alternativen zum Spital gebe, sollte keine Bettendiskussion geführt werden, fordern die Ärzte. (mon, afs, eli, APA)

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs weist darauf hin, dass ein Arztdienst im Spital wöchentlich 48 Stunden nicht übersteigen darf. In Österreich sind 60 Stunden erlaubt. Eine Reform ist in Sicht. Gleichzeitig schlägt die Ärztekammer Alarm, weil in einigen Abteilungen Bettenknappheit besteht.
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