Billigkonkurrenz für Gastgeber Mexiko

10. September 2003, 19:09
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Licht und Schatten nach zehn Jahren Freihandel mit den USA

Welche Vorteile, aber auch welche Probleme der Freihandel mit sich bringt, weiß das Gastgeberland der WTO-Konferenz am allerbesten. Geprägt hat Mexiko die Anbindung an die USA und Kanada im Nafta-Vertrag, der vor fast zehn Jahren in Kraft trat.

Global gesehen hat Mexiko von dem Abkommen profitiert. Das Land ist zur neuntgrößten Volkswirtschaft aufgestiegen, hat sogar den Giganten Brasilien überrundet. Seit 1994 sind die mexikanischen Exporte in die USA von 51,6 Mrd. Dollar auf 135 Mrd. Dollar geklettert. Konzerne wie Volkswagen und Nissan bauen wegen der niedrigeren Kosten in Mexiko ihre Autos für den US-Markt.

Ungleich verteilte Früchte

Zu den Nafta-Gewinnern gehören auch mexikanische Konzerne wie der Brothersteller Bimbo, der Mehl- und Tortillaproduzent Maseca sowie diverse Bier- und Tequilahersteller. Doch die Früchte sind sehr ungleich verteilt.

Während die Städte im Norden und im Zentrum Mexikos von Arbeitsplätzen, Investitionen und neuer Infrastruktur profitierten, verharrten die ländlichen Regionen und der indianisch geprägte Süden in Armut und Unterentwicklung. Die meisten der 300.000 Mexikaner, die jedes Jahr illegal die Grenze zu den USA überschreiten, stammen aus diesen ärmlichen Gebieten.

Mexikos Kleinbauern mit ihrem kollektiven Bewirtschaftungssystem gehören zu den großen Verlierern des Freihandels. In den USA kostet die Aufzucht eines Schweines z.B. fünfmal weniger als in Mexiko, entsprechend stammen bereits 40 Prozent des in Mexiko verkauften Schweinefleischs aus den USA. Ähnlich sieht es beim Getreide aus.

Seit dem In-Kraft-Treten des Nafta 1994 sind die US-Agrarexporte nach Mexiko unaufhaltsam von 3,6 auf über 7,5 Mrd. Dollar gestiegen. Im Agrarhandel ist die Bilanz für Mexiko deutlich defizitär.

Auch der Lohnveredelungssektor, der die Hälfte der Exporte in die USA ausmacht und dessen Beschäftigtenzahl sich seit Nafta verdoppelt hat, bietet keine dauerhafte Entwicklungsperspektive. Die "Maquiladoras" importieren ihre Vorprodukte zollfrei, lassen sie in Mexiko von billigen Arbeitskräften steuerfrei zusammensetzen und liefern das Endprodukt - ebenfalls abgabenfrei - in die USA.

Im Zuge der schleppenden Konjunktur mussten jedoch viele Maquiladoras ihre Tore schließen, fast 250.000 Arbeiter wurden entlassen. Inzwischen ist es billiger, beispielsweise Textilien in Asien fertigen zu lassen. Und das, obwohl die Reallöhne in Mexiko gesunken sind und sich unter dem Niveau von 1994 befinden. Auch die WTO kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass Mexiko zwar dank seiner Öffnung mehr Auslandsinvestitionen anlocken und seine Produktivität verbessern konnte, doch dass dies nicht ausreiche, um sich gegenüber der billigen Konkurrenz aus Asien zu behaupten. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2003)

von Sandra Weiss
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