Manchmal schlägt die Aufklärung zu

11. September 2003, 20:04
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Überblick über aktuelle Adorno-Biografien

Bei der Plünderung der Frankfurter Weinhandlung von Adornos Vater in der Pogromnacht am 9. 11. 1938 wurden zerstört oder weggesoffen: zehn Weinfässer mit zusammen insgesamt 20.400 Litern, Spitzenweine - nach heutigem Geldwert wohl um die 150.000 Euro. Dazu kamen einige Hundert Likörflaschen. Ganz schön viel für eine Nacht. Mitglieder der arischen Edelrasse stahlen eben gern das Eigentum der jüdischen Unterrasse: bürgerliche Kultur - seit 1867 war die Familie Wiesengrund angesehen in Frankfurt - und Barbarei, ein Grundthema Adornos, das Umkippen von Kultur in Barbarei.

Wie lässt sich nun ein Einzelleben, das so stark von Konflikten der Gesellschaft geprägt ist, beschreiben? Zu Adornos hundertstem Geburtstag wird derzeit ein wahrer Biografie-Kult betrieben: Ausstellungen in Zürich und Frankfurt, mehrere Biografien. Ganz gelungen ist keine davon. Die beste (Stefan Müller-Doohm bei Suhrkamp) hat zu viele, die schlechteste (Detlev Claussen bei S. Fischer) zu wenige Fakten. Claussen, ganz der Soziologieprofessor am Schreibtisch, glaubt gar, man könne ein Leben "nur aus den Texten Adornos" heraus beschreiben. Das geht aber nicht, da liegt dann zu viel Druckerschwärze auf den Körpern.

Und bei Claussen erfährt man auch nicht Einfachstes, was man gerne wissen möchte, nämlich wo Adorno in den wenigen Monaten, die er 1925 bei Alban Berg studierte, wohnte: Müller-Doohm nennt es - in einer Pension in der heutigen Exnergasse (Nr. 18).

Zwei Mütter

Beide Biografen wissen, dass Adorno Biografien hasste. Er hielt nichts von "Persönlichkeit". Dieser Kult gaukle vor, dass es einen Einzelnen ohne Gesellschaft gebe oder dass dieser aus der Gesellschaft herausgehoben sei wie eben in der Heldenbiographie. Aber: Eine gute Biografie könnte Konflikte der Gesellschaft in Adorno spiegeln. Und solche Spannungen gibt es, massenhaft. Zum Beispiel, destilliert aus dem riesigen Datenmaterial, das Stefan Müller-Doohm auf tausend Seiten ausbreitet: Adorno hatte gleich zwei Mütter, weil die Schwester der Sängerin Maria Calvelli-Adorno, die der Vater in der Frankfurter Oper kennen gelernt und in London 1898 geheiratet hatte, immer bei ihnen wohnte.

Die Schwestern liebten einander, und sie liebten das Einzelkind. Das ist schon einmal ganz schön hart, aber der katholisch getaufte "Teddie" schafft das, indem er sich früh die germanischen Familienkonflikte in Richard Wagner "reinzieht".

Um in solche Konflikte tiefer einzudringen, müsste die in Biografien meist verwendete auktoriale Außenperspektive geändert werden, müssten literarisch riskantere Mittel der Deutung - Perspektivenwechsel, Hypothesen, Psychoanalyse - gewählt werden. Das wäre im Fall Adorno deshalb interessant, weil er ja gerade nicht reiner Geist war, auch wenn er so sprach.

Kampf gegen Überich

Das sehr "Irdische" an ihm zeigt sich nicht nur in der Radikalität, mit der er in seinem späten Denken in der "Negativen Dialektik" gegen jede Form von "Überich" ankämpft und einen totalen, auch sexuellen Hedonismus als Utopie entwickelt, es zeigt sich auch in der Lebenspraxis.

Das beste Dokument dazu findet sich nicht in diesen Biografien, sondern in einem Text, den das Adorno-Archiv erstmals in einem Bildband (Suhrkamp) abdruckt. Es stammt aus der Zeit der Emigration in Amerika, kurz vor der Rückkehr nach Europa: Tagebuch New York, 16.10. 1949 - Adorno trifft eine Geliebte: "Das Weekend mit Carol. Sie kam zu den Türen der Public Library, und mir Unverbesserlichem schlug das Herz. Welche Mischung aus einer Libertine und einem Professor. Nachmittag der äußersten Exzesse, in völliger Helle und Klarheit. Echte Masochistin: zweimal ihr Orgasmus nur beim freilich erbarmungslosen Schlagen."

Das ist ein ganz anderer Adorno - oder derjenige des ganz Anderen, von dem schon in Die Dialektik der Aufklärung (hervorgegangen aus von Adornos Frau Grete Karplus transkribierten Gesprächen mit Max Horkheimer ab 1941) im Kapitel zu de Sade die Rede ist. So schlägt eben Aufklärung um - und zu. (DER STANDARD; Printausgabe, 10.09.2003)

von Richard Reichensperger
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