Drama einer "modernsten" Künstlerin

10. September 2003, 19:45
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Anmerkungen zum Tod der Regisseurin Leni Riefenstahl

Am Montag ist im Alter von 101 Jahren Leni Riefenstahl, eine der einflussreichsten, ganz sicher umstrittensten deutschen Künstlerinnen gestorben. Einer profunden Auseinandersetzung mit ihrem Leben und Werk (etwa: "Triumph des Willens") stand vor allem sie selbst im Weg.

Claus Philipp

Pöcking/Wien - "Die Absurdität wird nicht wahrgenommen, wenn sie gelingt. Das wird ja auch politisch immer zu spät bemerkt." "Jubel war seit jeher gefährlich." Oder: "Ihre Karriere: eine in paradoxer Weise konsequente Folge von bravourösem Auftakt, umjubelter Fortsetzung und erzwungenem Ende."

Solche Sätze liest man über Leni Riefenstahl eher selten. Kaum jemandem gelang und gelingt es, derart gelassen wie Ilse Aichinger (vor gut zwei Jahren in ihrem STANDARD-"Journal des Verschwindens") Facetten einer Karriere auf den Punkt zu bringen, über der Filmtitel wie Triumph des Willens oder Tiefland beständig zu brüllen scheinen: Das gab's nur einmal, das darf nie wieder kommen, das gehört eigentlich verboten! Einer Karriere, die nach dem Niedergang des NS-Regimes denn auch mit weit gehenden Aufführungsverboten im deutschen Sprachraum stigmatisiert war. Was wiederum der mitunter recht spitzfindigen Leni Riefenstahl in Interviews ein eigentümlich starrsinniges Beharren entlockte:

"Ich bedaure zu 100 Prozent, Hitler kennen gelernt zu haben", sagte sie. "Dass der in mein Schicksal eingegriffen hat! Mein ganzes Leiden nach dem Krieg ist ja nur dadurch entstanden." Oder: "Triumph des Willens ist ein Dokumentarfilm von einem Parteitag, mehr nicht. Das hat nichts zu tun mit Politik."

Natürlich nahm ihr das keiner ab. Natürlich kam daher der durchaus angestrebte Dialog mit der vielleicht einflussreichsten deutschen Künstlerin des 20. Jahrhunderts immer wieder ins Stocken. Denn wenn Riefenstahls Filme und später auch Fotos überzeugen (und gleichzeitig Zeugnis ablegen) - dann doch wohl in einem Formwillen, der - die ehemalige Kunst- und Tanzstudentin hatte sich lange genug damit beschäftigt - ohne einschlägige Inhalte nicht denkbar war.

"Irrtum", "falsch". . .

Darüber hätte man auch mit ihr sprechen können müssen. Stattdessen: Ausflüchte einer ewig missverstandenen Grande Dame, deren "Widerstand" sich auf kleine Gesten beschränkt haben will. In Hitlers Mein Kampf habe sie etwa Randbemerkungen notiert: "Beispielsweise ,stimmt nicht', ,Irrtum', ,falsch'. Mir war das unangenehm, aber Hitler schien es zu amüsieren. (. . .) ,Das ist ja interessant', sagte er. ,Sie sind eine scharfe Kritikerin, aber wir haben ja eine Künstlerin vor uns.'"

Dass diese Künstlerin dann wiederum nicht wahrgenommen haben wollte, dass Komparsen für ihren Spielfilm Tiefland aus dem Konzentrationslager rekrutiert wurden, hat immer wieder die Gerichte beschäftigt. Riefenstahl, mit solchen Vorwürfen konfrontiert, antwortete gern mit Gegenklagen. Und so vergingen Jahrzehnte, ohne dass - heftiger noch als im Fall Ernst Jünger - eine ernsthafte, komplexe Vergangenheitsbewältigung mit Riefenstahl möglich gewesen wäre.

Vor allem ausländischen Theoretikern und Kritikern blieb es vorbehalten, aus der Distanz von einer "Spannung" zu sprechen - "zwischen technischer Perfektion und einem System, das sich diese Perfektion zu Eigen machte". So Slavoj Zizek. Und: "Vielleicht ist die Suche nach einer wahren ideologischen Identität Riefenstahls irreführend. Es gibt bei ihr keine derartige Identität, sie ist verstrickt in ein Netz rivalisierender Kräfte."

Es ist fragwürdig, ob etwa Star Wars-Erfinder George Lucas solches meinte, als er Riefenstahl als die "bis heute modernste Filmemacherin" würdigte, auch wenn man anhand ihrer Biografie durchaus ein Drama des modernen Menschen nachzeichnen könnte.

Tatsache ist jedoch, dass zur selben Zeit, als Riefenstahl von Filmmuseen und Galerien immer noch verfemt war, Hollywoods Blockbuster ihre Körper- und Massenästhetik ebenso lustvoll zitierten wie diverse Sportartikel-Clips auf MTV. Auch von diesen zeitgenössischen Verstrickungen in kaum verbalisierte Faszinationen wäre, ausgehend etwa von der Dokumentation Olympia (1936-38) zu sprechen.

Wie schrieb etwa ein US-Kritiker, der Riefenstahls Triumph des Willens in einer Giftschrank-Vorführung in einem kleinen Programmkino sah: Gerade die Wucht, mit der man in diese Montagen hineingesogen wird, vermittle einem - analytisches Vermögen vorausgesetzt -, warum so viele Deutsche dem Nationalsozialismus zustimmten.

Verrenkungen

Darüber, und über die eigenartigen Verrenkungen, die Riefenstahl, die Tänzerin, Kamerafrau, Fotografin, Taucherin, unternommen und wiedergegeben hat, kann man mit Ilse Aichinger - wohl auch mit einem gewissen Schaudern - "lachen". Für die Schriftstellerin blieb Riefen-stahl "immer darauf angewiesen, mit einer Glanzleistung beginnen zu müssen". Das ist gerade heute, wo Glanzleistungen stärker denn je gefordert sind, exemplarisch.

Riefenstahl war es nicht vergönnt, dies öffentlich einzugestehen. Exemplarisch inszenierte sie sich bis zum Ende auf der Suche nach Extremen: "Immer war ich auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen, dem Wunderbaren und den Geheimnissen des Lebens." Niederungen waren bei dieser Suche ihre Sache nicht.

Ihr Lieblingstitel für eine Verfilmung ihres Lebens (Jodie Foster plant eine solche): "Geliebt, verfolgt und unvergessen." Also immer in einer zentralen Rolle. Und dabei weniger empfänglich für die Frage, ob sie nicht phasenweise nur Zuträgerin größerer Interessen war.

101 Jahre alt ist Leni Riefenstahl so geworden. Bis zum Schluss legte sie auch Wert darauf, von den Makeln des Alters möglichst unberührt zu bleiben. Das verlieh ihr eine Maskenhaftigkeit, die uns noch lange beschäftigen wird: Vorgestern ist sie in ihrem Haus in Bayern, in Pöcking am See gestorben. (DER STANDARD; Printausgabe, 10.09.2003)

Eckdaten einer umstrittenen Biografie

Am 22. August 2003 wurde Berta Helene Amalie Riefenstahl als Tochter eines Kaufmanns in Berlin geboren. Gegen den Willen ihres Vaters absolvierte sie, parallel zur Kunstakademie, eine Tanz- und Ballettausbildung: Schon früh soll sie der Ausdruckstanz fasziniert haben. Ein Unfall zwang Riefenstrahl 1927, diese Karriere aufzugeben. Schon seit 1925 hatte sie, unter der Regie von Arnold Fanck, an Bergfilmen mitgewirkt und dabei Kamera-, Licht- und Montagetechnik gelernt:

Die größte Erfolge als Darstellerin waren damals Der heilige Berg (1926) und vor allem der Sportfilm Der weiße Rausch (1931), dem umgehend die Gründung der Firma Leni Riefenstahl Studio Film folgte.

Adolf Hitler soll schließlich von der Regisseurin und Hauptdarstellerin von Das blaue Licht (1932) derart beeindruckt gewesen sein, dass er sie ein Jahr später mit dem Kurzfilm Sieg des Glaubens (1933, über den 5. Reichsparteitag) sowie 1934 dem Propagandafilm Triumph des Willens beauftragte. Diese in aller technischer Brillanz höchst umstrittene Phase im Schaffen Riefenstahls setzte sich mit dem Zweiteiler Olympia (1936-38) fort und kulminierte schließlich in einem letzten Spielfilm: Tiefland.

Riefenstahl bestritt zeitlebens, gewusst zu haben, dass 60 Roma-und Sinti-Komparsen aus Konzentrationslagern rekrutiert wurden und dem Tode geweiht waren.

Nach dem Krieg begann die Künstlerin eine dritte Karriere als Fotografin.

1973 erschien ein erster Bildband über den Stamm der Nuba.

1976 absolvierte Riefenstahl eine Tauchausbildung. Ihre Fotos, international gefeiert und umfehdet, wurden in Deutschland erstmals 1997, in einer kleinen Hamburger Galerie, gezeigt.

Bereits 1987 veröffentlichte Riefenstahl, scheinbar ungerührt, ihre Memoiren, wurde wenige Jahre vor ihrem Tod Greenpeace-Mitglied und drehte 2000 ihren letzten (Unterwasser-)Film. (red)

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