Flash Mob

19. September 2003, 18:20
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Das neue Regieren nimmt mit zunehmender Dauer immer stärker die Züge von Flash-Mob-Auftritten an - Kolumne von Günter Traxler

Obwohl vorige Woche alles wunderbar gelaufen ist - der Bundeskanzler sah keine Krise der Koalition, der Vizekanzler hat dem Land wieder einmal seinen Stempel aufgedrückt, das Koalitionsklima auf strahlenden vier minus (es war schon schlechter) -, gibt es Zeitgenossen, die sich alarmiert fühlen, und ein Politikwissenschafter stellte gar fest, das generalisierte Vertrauen, Wolfgang Schüssel werde die Probleme der Koalition lösen, sei inzwischen sogar in dessen vaterländischer Zeugungsfront erschüttert. Punktuell zwar nur, nämlich besonders an den Punkten, an denen demnächst Regionalwahlen abgehalten werden, aber so etwas kann sich leicht ausbreiten, wenn man nicht rasch ein Frühwarnsystem installiert.

An den Inhalten der von der solidesten Regierung aller Zeiten gesetzten Maßnahmen kann die sich ausbreitende Unruhe nicht liegen. Vielleicht an der Form? Nicht allen Bürgerinnen und Bürgern ist das Verständnis dafür gegeben, dass das neue Regieren mit zunehmender Dauer immer stärker die Züge von Flash-Mob-Auftritten annimmt. Natürlich nicht zufällig, sondern sorgfältig organisiert, um Gewöhnungseffekte und damit verbundene Sättigungsgefühle im Publikum möglichst früh zu unterbinden.

Auch auf diesem Gebiet war Schwarz-Blau der Zeit weit voraus. Während das Spiel, an vorher bestimmten Orten zusammenzukommen und dort Aktionen zu starten, deren Sinn uneingeweihten Mitmenschen schon deshalb verborgen bleiben muss, weil sie keinen haben, unter dem Namen Flash Mob erst diesen Sommer als internationales Phänomen entdeckt wurde, haben Mobbyisten dieser Regierung solche Aktionen schon vor Jahren inszeniert.

So ist der unvermutete und absolut sinnfreie gemeinsame Auftritt von Ministern und Staatssekretären in Gottes freier Natur beinahe der Vergessenheit anheim gefallen, ebenso wie das herdenweise Einbrechen von Koalitionspolitikern in die Tierwelt von Schönbrunn. Unmotivierte Museumsbesuche sollten ebenso wie der unvermittelte Griff zu Flöte und Gitarre als ästhetische Spaßattacken rustikaler Scherzkekse den also Regierten teils Rätsel aufgeben, teils ihnen klar machen, was Wende bedeutet.

Damals stand Flash Mobbing freilich noch am Anfang - nichts gegen die Aktionen, die bald folgen sollten. In Amsterdam haben sich kürzlich Hunderte Jugendliche auf einem Platz versammelt und ihre in gelben Haushaltshandschuhen steckenden Hände eine Viertelstunde in die Luft gereckt, ehe sie wieder verschwanden. Was ist diese Massenaktion gegen den Flash jener Frau Sickl, die eines Tages völlig unvermutet auf der Regierungsbank des Nationalrates Platz nahm und applaudiert von schwarzen und blauen Mitmobbern ihre Fähigkeiten im Häuselputzen pries, ehe sie spurlos verschwand? Eine Sternstunde des Flash Mobbing!

Spontan veranlagte Jugendliche werden sich schon sehr anstrengen müssen, sowohl in der Wahl der Location als auch in der Originalität der Action an Sickl, aber auch an Blitzer wie Forstinger oder Schmidt heranzukommen. Besser in Erinnerung ist da noch die absurde Flash-Mob-Aktivität in Knittelfeld, die in den Verhandlungen zur Regierungsbildung, vor allem aber dann im Flash Mob der Regierung eine noch viel absurdere Fortsetzung fand. Darf man die Ein- und Absetzung der Ambulanzgebühr noch als Fingerübung im Flash Mobbing bezeichnen, so erfüllt das Voest-Mobbing, wie es nun inszeniert wird, auch die höchsten Anforderungen an eine Nonsens-Performance im öffentlichen Raum: Total privat - Pühringer im Kern.

Weil aber das Wichtigste am Flash Mob die Spontaneität ist, kann ein Frühwarnsystem nichts bringen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2003)

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