"Chile ist noch immer ein geteiltes Land"

15. September 2003, 09:41
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Sozialistischer Klubchef Fidel Espinoza kritisiert im STANDARD-Gespräch Politiker der Rechten, die mit Pinochet kollaborierten: "Haben sich nie von der Vergangenheit distanziert"

Wien - Am 11. September 1973, als in Santiago das Militär putschte und der sozialistische Präsident Chiles, Salvador Allende, starb, war Fidel Espinoza Sandoval dreieinhalb Jahre alt. Sein Vater, der sozialistische Abgeordnete Luis Espinoza, wurde verhaftet und drei Monate später ermordet. Doch "wenn ich heute einen Militärangehörigen sehe, spüre ich keinen Hass", sagt Fidel Espinoza, inzwischen selbst Politiker und sozialistischer Klubchef in Chiles Abgeordnetenhaus, im Gespräch mit dem STANDARD.

Heute, Mittwoch, wird Espinoza, sozusagen "Chiles Josef Cap", auf Einladung des Zweiten Nationalratspräsidenten Heinz Fischer im Parlament in Wien an einer Gedenkstunde zum 30. Jahrestag der Zerschlagung der Demokratie in Chile teilnehmen. Vor wenigen Tagen hat er im chilenischen Kongress die Gedenkrede auf Allende gehalten. Bei aller Bereitschaft, 13 Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie versöhnlich zu sein, ärgerte ihn aber doch, dass die Abgeordneten der Rechten die Sitzung boykottierten. "Das Land ist noch immer geteilt", sagt Espinoza. Jene Politiker der Rechten, die mit Pinochet kollaborierten, hätten sich nie von der Vergangenheit distanziert. (Aus dem Militär, dem als Verteidigungsministerin nun Michelle Bachelet, die Tochter eines ermordeten Generals, vorsteht, hörte man zuletzt dagegen "Nie wieder"-Bekenntnisse.)

Die Linke sei zum Eingeständnis ihrer Fehler durchaus bereit. Etwa dem, dass es in der Allende-Ära "keine politische Mehrheit gab, die die angestrebten radikalen Veränderungen unterstützt hätte". Aus diesem Grund seien die Sozialisten seit 1990 Teil einer breiten Koalition mit den Christdemokraten (die in der Allende-Zeit zu ihren erbitterten Gegnern wurden). Seit den Wahlen 2000 wird diese Koalition wieder von einem Sozialisten, Ricardo Lagos, geführt.

Den Vorwurf, dass die Regierung den von der Diktatur übernommenen Neoliberalismus einfach weiterführe, weist Espinoza zurück. Chile sei zwar in die globalisierte Wirtschaft eingebettet und strebe weiteres Wirtschaftswachstum an, nütze die Staatseinnahmen aber für tief greifende Reformen. So habe es 1996 noch eine Million extrem arme, in "campamentos" (Slums) lebende Chilenen gegeben, heute seien es 300.000, "und 2006 wird es das nicht mehr geben". Der Staat gewähre Familien, die umgerechnet 250 Euro ansparen, zur Wohnraumbeschaffung erhebliche Zuschüsse.

Arg sei auch das von Pinochet übernommene Gesundheitssystem: "Ein schwer kranker Armer, der sich kein Privatspital leisten kann, ist praktisch zum Sterben verurteilt." Deshalb habe man soeben die Mehrwertsteuer von 18 auf 19 Prozent erhöht, um mit den Mehreinnahmen (300 Mio. € pro Jahr) öffentliche Krankenhäuser zu finanzieren. Höhere Bildung könnten sich Kinder von Familien, die den Mindestlohn beziehen (fast ein Drittel der Erwerbstätigen verdient nur 150 €) derzeit kaum leisten; eine Bildungsreform soll dies ermöglichen.

Trotzdem ist die Popularität von Präsident Lagos nach einer Serie von Korruptionsvorwürfen gegen Politiker stark gesunken. Erstmals liegt in den Umfragen wieder ein ehemaliger Gefolgsmann Pinochets - Joaquín Lavín - voran. Gegen ihn soll 2006 eine Frau kandidieren: entweder die Christdemokratin Soledad Alvear oder die Sozialistin Michelle Bachelet.(Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2003)

  • Fidel Espinoza: "Chiles Cap" bei Allende-Gedenken in Wien.
    foto: standard/cremer

    Fidel Espinoza: "Chiles Cap" bei Allende-Gedenken in Wien.

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