Europäischer Langstreckenläufer Lamy

16. September 2003, 14:24
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Handelskommissar leitet EU-Delegation in Cancun - Verhandlungsführer für große Ausdauer bekannt

Brüssel - Im Zweifel entscheidet sich Pascal Lamy eher für die leiseren Töne, doch der Verhandlungsführer der Europäischen Union bei der WTO-Ministerkonferenz von Cancun gilt als kompetenter Gesprächspartner mit großer Ausdauer. Kein Wunder, dass der französische Kommissar in seiner Vita unter sportlichen Betätigungen das Laufen nennt. Gute Kondition wird der 56-jährige allerdings brauchen, will er in Cancun nicht die Erwartungen der Europäer enttäuschen, die auf den Schultern des Brüsseler Ressortleiters für den Außenhandel lasten.

Lamy soll in Cancun mit Unterstützung seines österreichischen Agrarkollegen Franz Fischler zwei Aufgaben erfüllen. Einerseits soll er die Entwicklungsländer davon überzeugen, dass Europa in den Verhandlungen ein ehrlicher Makler ihrer Interessen ist. Und zweitens soll er den Streit in den Handelskonflikten wie um Gentech-Lebensmitteln oder Stahlsubventionen dämpfen, um mit den USA möglichst an einem Strang zu ziehen. Seinen Ansprechpartner aus Washington, den US-Handelsbeauftragten Robert Zoellick, kennt Lamy gut.

Deeskalation

Die Chemie zwischen Lamy und Zoellick ist ungeachtet der offenen Handelsdispute von Stahl über Hormonfleisch bis Gen-Food nicht vergiftet. Für Cancun erarbeiteten sie sogar gemeinsame Positionen. Lamy setzt auf Deeskalation und Allianzen, fordert von den Handelspartnern aber wenig nachgiebig, dass sie sich an das WTO-Reglement halten sollen. Er zierte sich auch nicht öffentlich klarzustellen, dass eine gemeinsame WTO-Initiative noch keine Verbrüderung der zwei Handelsriesen EU und USA darstellt. Die Interessen auf beiden Seiten des Atlantiks seien nun einmal unterschiedlich. Eine strategische Allianz für Cancun gebe es folglich nicht, bereitete Lamy erst vergangene Woche die Gesprächspartner vor.

Der EU-Handelskommissar kann eine Bilderbuch-Laufbahn vorweisen. Nach der Kaderschmiede Ecole Nationale d'Administration (ENA) ging der Jurist in die französische Finanzverwaltung, bevor er Anfang der 80er Jahre Berater des damaligen Finanzministers Jacques Delors wurde. Delors war es auch, der den Sozialisten 1985 nach Brüssel holte. Als Kabinettschef des EU-Kommissionspräsidenten blieb Lamy bis 1994 in der Behörde. Nach einer Zwischenetappe, bei der er sich in Paris um die Neuordnung der angeschlagenen Großbank Credit Lyonnais kümmerte, kam er 1999 zurück nach Brüssel. Im Kollegium unter Kommissionspräsident Romano Prodi gehört er neben Wettbewerbskommissar Mario Monti und Agrarkommissar Fischler zu den politischen Schwergewichten. (APA)

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    Pascal Lamy, Marathonmann

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