Krisenmanagement im Pflegeheim Lainz

9. September 2003, 19:26
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Täglich gibt es neue Vorwürfe, ab Freitag ist das Kontrollamt am Zug - die Sozial- und Gesundheitspolitik ist in arge Turbulenzen geraten

Wien - Jetzt sind Krisenmanagement und Beruhigung der Lage angesagt. Die leitenden Herren des Krankenanstaltenverbunds (KAV) pilgerten gestern, Montag, ins Geriatriezentrum Am Wienerwald, um mögliche weitere Beschwerden von Angehörigen entgegenzunehmen. Generaldirektor Eugen Hauke gab sich froh, dass er keine "einzige gravierende negative Darstellung" der Verhältnisse mehr zu hören bekam. Trotzdem dürfe man die "Verfehlungen", die es im Pavillon I gegeben habe, nicht beschönigen. Es melden sich aber täglich neue Pfleger und Patienten, die von Ungereimtheiten in Lainz berichten. Zudem wird jetzt klar, dass der Pflegedirektor in Lainz schon im März schriftlich auf die Missstände aufmerksam gemacht worden ist - er hat nicht reagiert.

Wie DER STANDARD berichtete, sind nach lange ignorierten Beschwerden eines Sachwalters unerhörte Zustände aufgedeckt worden. Pfleglinge waren monatelang nicht gewaschen worden, bekamen schon am Nachmittag Bettruhe verordnet und wurden in Windeln gesteckt. Disziplinarmaßnahmen wurden eingeleitet, der Pflegedirektor bekam vorerst eine andere Stelle.

Wie es zu dem kam, was man als "Pflege" im Heim vollzogen hatte, wird nun durch das Kontrollamt geklärt. FP-Kontrollausschussvorsitzender Wilfried Serles kündigt im STANDARD-Gespräch an, dass am Freitag der entsprechende Auftrag erteilt werde. Er geht davon aus, dass sowohl die absolut regierende SP als auch die Opposition geschlossen dafürstimmen werden. Zu klären ist:

  • [] Wie konnte es zu den Missständen kommen und warum wurden die Beschwerden von Verantwortlichen einfach ignoriert?

  • [] Wer war in diesem Wirrwarr überhaupt für die Kontrolle der Pflegevorschriften zuständig, der KAV oder die MA 47 (Betreuung und Pflege) als Behörde?

  • [] Diskutiert wird, ob die Vorfälle in Lainz nicht auch Gegenstand eines Untersuchungsausschusses werden.

    Diesen Untersuchungsausschuss will VP-Klubchef Matthias Tschirf in einem der beiden anberaumten Sondergemeinderäte beantragen. Er verlangt, dass alle straf- und disziplinarrechtlichen Delikte geklärt werden müssten. Der Lainz-Sondergemeinderat findet am 24. September statt.

    30 Millionen Euro fehlen im Budget

    Tags zuvor muss Sozialstadträtin Grete Laska im Gemeinderat Auskunft geben, warum 30 Millionen Euro im Budget fehlen. Noch bevor ein umfassendes Sparpaket umgesetzt werden konnte, ist das entsprechende, vom Sozialamt ausgearbeitete Konzept an die Öffentlichkeit gelangt. Demnach hätten namhafte Institutionen wie die Caritas, die Diakonie und viele Vereine mit der Kündigung - und eventuellen Neuverhandlung zu günstigeren Tarifen - rechnen müssen. Letztlich wurde das Konzept zurückgenommen. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe, 10.9.2003)

  • Die Opposition hat nun Sondergemeinderäte zum Budgetloch im Sozialressort und dem Lainzer Pflegeskandal einberufen. Täglich gibt es neue Vorwürfe, ab Freitag ist das Kontrollamt am Zug.
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