Ausgedinge

24. Dezember 2003, 15:01
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Beinahe sah es so aus, als wäre der alte Mann sauer. Jedenfalls murmelte er grantig in seinen Bart

Und weil ihm der aus dem Gesicht stand, als hätte sich jemand einen weißen Weihnachtsmann-Rauschebart zum Spaß schief ins Gesicht gehängt, beschloss die Frau mit dem kleinen Buben an der Hand ihrem Sohn zu erklären, dass der Mann dort drüben lustig sei.

Haha, sagte die Frau ohne einen Mundwinkel in die Höhe zu ziehen, schau mal der Mann dort mit dem Bart, ist der nicht lustig? Und bevor das Kind noch fragen konnte, wieso es lustig sei, wenn ein alter Mann mit einem weißen Rauschebart, kurzen Hosen und einer Natojacke, unter der er offenkundig nichts trug, lustig sei, wenn er Blumentöpfe an einer Stange befestigt, bevor der Bub eine Chance hatte, sich zu entscheiden, ob er das lustig oder traurig finden sollte, bevor der Bub auch nur ein zweites Mal schauen konnte, hatte die Frau ihren Sohn in die andere Richtung gezogen. Und der alte Mann war mit seinen Blumentöpfen wieder alleine.

Ein Berg Blumen

Die Episode mit der Frau und dem Buben habe er gar nicht bemerkt, erzählte er später. Irgendwann, sagte der alte Mann mit dem weißen Bart und der völlig dialektfreien Sprache, höre man auf darauf zu achten, ob Leute hin- oder wegschauen. Höre man auf, Kommentar zu hören oder zu versuchen sie zu überhören. Höre man auf, sich darum zu scheren, was oder ob irgendwer denke. Irgendwann, sagte der alte Mann mit dem weißen Bart, sei da nur noch das, was einen selbst betreffe oder interessiere. Und wenn er einen Berg Blumen sähe, von denen er, als einer der früher - auch wenn das jetzt schon so lange her sei, dass es eigentlich nicht mehr wichtig sei -, von denen er also wisse, dass sie längst nicht so tot seien, wie sie aussähen, dann werde er zuerst traurig und dann, wie in diesem Fall, schreite er ein. Müsse er einschreiten.

Weil er, sagte der alte Mann mit dem weißen Bart, Blumen gerne habe. Und weil er froh sei, wenn er, der Obdachlose, etwas tun könne. Für irgendjemanden. Das mache Freude. Auch wenn es sich nur um einen Haufen Blumen handle, der beim Abbau des Sommerfilmfestivals am Rathausplatz mitsamt den Töpfen, in denen die Blumen von den Dächern über den Fressplätzen gehangen waren, einfach achtlos in und um einen großen Müllcontainer am Rande des Platzes geworfen worden seien. Blumen, sagte der alte Mann mit dem weißen Bart empört, darf man nicht wegwerfen. Nicht, solange sie noch schön sein können. Und weil ihm das weh täte, sagte er, stehe er nun schon den zweiten Tag hier, hole Pflanzen aus dem Container, hänge sie in ihren Töpfen an den Stangen um den Rathausplatz auf und freue sich, wenn sich die schon halbtoten Pflanzen wieder aufrichteten. Auch wenn es nur für ein paar Tage oder Stunden sei.

Irgendwo in Niederösterreich

Für ihn selbst, sagte der Mann mit dem weißen Bart, sei das fast so, als wäre er wieder dort, wo er eigentlich her kam. Obwohl das, doch schon so lange her sei, dass es heute eigentlich keine Rolle mehr spiele. Sicher, den Bauernhof gebe es noch. Und den Bauern und die Familie. Irgendwo in Niederösterreich. Dort habe er viele Jahre, sein halbes Leben, gearbeitet. Mit Tieren. Mit Pflanzen. Mit den Kindern. Harte Arbeit, sagte der alte Mann während er die kraftlosen und verhedderten Stränge eines Topfes mit ein paar sicheren Handgriffen entwirrte bevor er den Top neben die anderen hängte, sei das gewesen. Aber schön. Um Geld, sagte der alte Mann, sei es nie gegangen.

Irgendwann, sagte der alte Mann, habe sich alles geändert. Und als er nicht mehr arbeiten konnte, gab es für ihn keinen Platz mehr auf dem Hof. So, sagte der alte Mann, sei er in die Stadt gekommen. Das sei schon einige Jahre her. Er sei schließlich weit über 60. Und meistens habe er ohnehin Glück gehabt. Weil die Stadt im Sommer gar kein so schlechter Ort sei. Auch wenn er sich das Alter anders vorgestellt habe. Aber das Leben, meinte er, könnte schließlich auch schlimmer sein. Wenn er sich die Leute auf der Straße ansehe, sagte der alte Mann, sei er schon froh, heilfroh, dass er nie gesoffen habe - bis heute. Außer man biete ihm einen guten, einen wirklich guten Schnaps an. Ein oder zwei Gläser. Aber das sei etwas anderes als saufen.

Über den Winter

Jetzt, entschuldigte sich der alte Mann, müsse er aber weiterarbeiten. Schließlich lägen beim Container neben dem Rathaus noch Blumen. Und irgendwer müsse sich ja um das kümmern, was die, die gar nicht darüber nachdenken, was sie wegwerfen, auf den Müll schmeißen. Vielleicht, mit etwas Glück, sagte er, könnten es ein paar Blumen sogar über den Winter schaffen. Auf dem Bauernhof, auf dem er früher gelebt habe. Wenn er die Töpfe dort über den Winter unterstellen könnte, wäre das eine feine Sache. Für die Blumen. Der Bauer, sagte der alte Mann mit dem weißen Bart, habe früher oft Verständnis gehabt. Platz gebe es ja auch - zum Beispiel in einer kleinen Hütte. Ein bisserl abseits vom Hof, ganz oben in den Bergen. Fast schon eine Alm.

Früher habe er dort oft den Winter verbringen dürfen. Früher, sagte der Mann mit dem weißen Bart und seufzte. Aber für die Blumen könnte der, der dort Bauer sei, seit man den alte Mann in die Stadt geschickt hatte, vielleicht doch Platz haben.

Nachlese
--> Spaß mit Falschparkern
--> Hollywoodschaukel
--> Ali Baba
--> Flashmobs

--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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