Ärzte auf Urlaub, Ämter unkoordiniert

9. September 2003, 15:45
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Untersuchungsbericht über Frankreichs Hitzetragödie im August erschienen - Gesundheitsminister verspricht rasche Gegenmaßnahmen

Hauptursache der zahlreichen Todesfälle in Frankreich während der Hitzwelle im August war mangelnde Abstimmung und Organisation der einzelnen Amtsstellen. Eine Art Alarmsystem, wie es für Naturkatastrophen oder Flugzeugabstürze besteht, sei im Fall von Hitzerekorden schlicht nicht vorhanden. Diese Schlussfolgerungen legte eine Expertenkommission aus drei Spitalsärzten am Montag Gesundheitsminister Jean-François Mattei vor.

Eine bessere Kommunikation zwischen den betroffenen Ministerien, Gesundheitsämtern, Spitälern und Arztdiensten hätte das Schlimmste verhütet, vermuten die Experten. Erschwerend kam dazu, dass in den großen Städten viele praktische Ärzte auf Urlaub waren, ohne dass ihre Vertretung ausreichend geregelt war. Die Regierung wird kritisiert, sie habe den bestehenden Alarmplan für die Spitäler zu spät ausgelöst.

Die genannten Gründe lösen in Frankreich, das immer noch unter dem Schock der Tragödie steht, kaum Überraschung aus. Dass die Arztpraxen im August geschlossen sind und die Ämter allein vor sich hinwursteln, ist nichts Neues im Land des Individualismus, wo man zuerst einmal an sich denkt, bevor man die Umwelt in Betracht zieht. Dazu kommen strukturelle Gründe wie etwa starker Personalmangel in den Spitälern. Die Einführung der 35-Stunden-Woche hat die Arbeitszeit der Angestellten verkürzt, ohne dass zusätzliches Personal eingestellt wurde.

Minister vor Ausschuss

Gesundheitsminister Mattei verspricht rasche Gegenmaßnahmen. Zuerst muss er sich aber am Donnerstag noch selber vor einem parlamentarischen Ausschuss verantworten. Ob er sein Amt behält, ist offen. Viele Franzosen bezweifeln aber, ob sich wirklich etwas ändern wird. Dazu sitzen die Mentalitäten zu tief.

Am Montag wurde bekannt, dass ein Forscher der Universität Dijon vor ziemlich genau einem Jahr eine Arbeit mit dem Titel "Hitzewellen und Sterblichkeit in den großen Ballungsräumen" veröffentlicht hat. Studien von Hitzewellen in Frankreich, Griechenland, Großbritannien und den USA ließen ihn warnen, bei besonders heißen Sommern sei in Frankreich mit "Tausenden von Opfern" zu rechnen. Bedroht seien vor allem alte, allein stehende oder bettlägerige Personen.

Die Beschreibung der gefährdeten Personenkreise entspricht genau dem Profil der zahlreichen Menschen, die in der ersten Augusthälfte vor allem in Paris ihr Leben gelassen haben. Unter den Einzeltragödien, die langsam bekannt werden, sind 57 betagte Bewohner der Hauptstadt, die in einem Vorortsfriedhof gemeinsam beerdigt wurden, weil sie keine Angehörige hatten. In ganz Frankreich wurden 11.435 Todesfälle als Folge der Hitzewelle registriert.(DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2003)

Von Stefan Brändle aus Paris
  • Journalisten bei der Ausgabe des Untersuchungsberichts über die Hitzekatastrophe im Gesundheitsministerium in Paris.
    foto: . epa/epa/olivier hoslet

    Journalisten bei der Ausgabe des Untersuchungsberichts über die Hitzekatastrophe im Gesundheitsministerium in Paris.

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