Monsterwellen auch im Nordatlantik möglich

15. September 2003, 13:27
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Eine riesige Welle, ein Tsunami, verwüstete vor 8000 Jahren die Küsten Nordeuropas

Hamburg - Nichts ahnend saßen sie am Feuer, als tausend Kilometer entfernt die Katastrophe losbrach: Im Nordatlantik vor der Küste Norwegens zwischen Bergen und Trondheim rutschten unterseeische Erdmassen von der Größe Islands ab und stürzten vom Flachwasser in die Tiefsee. Wie ein Stein in einer Pfütze löste die Lawine Wellen aus, die sich mit dem Tempo eines Schnellzuges kreisförmig ausbreiteten.

Nach wenigen Stunden brachen riesige Wellen, so genannte Tsunamis, gegen die umliegenden Küsten und überraschten auch die Steinzeitmenschen am Lagerfeuer nahe Inverness im Osten Schottlands. Kürzlich entdeckten Archäologen das verwüstete, etwa achttausend Jahre alte Lager der schottischen Ureinwohner, bedeckt von einer 25 Zentimeter dicken Sandschicht, die die Welle angespült haben muss.

Mittlerweile konnten Wissenschafter ähnliche Ablagerungen auch an anderen Küsten nachweisen und die Höhe der Welle bestimmen.

Die Überreste des schottischen Steinzeitlagers befinden sich knapp unterhalb des heutigen Meeresspiegels, der etwa zehn bis fünfzehn Meter höher liegt als einst. Die Steinzeitmenschen wurden also auf einer etwa zehn Meter über dem Meer gelegenen Anhöhe von der Welle überrollt.

Wie norwegische und britische Forscher nun im Fachmagazin "Eos" berichten, erreichte der Tsunami anderswo - auf den Färöerinseln zum Beispiel - sogar noch höher gelegene Stellen. Auf den Shetlandinseln liegen die Spuren der Verwüstung mehr als 20 Meter über dem damaligen Meeresspiegel.

Reißender Strom

Dass es sich tatsächlich um die Spuren eines Tsunami handelt, schließen die Wissenschafter aus den Ablagerungen, die sich deutlich von den darüber- und darunterliegenden Erdschichten abheben: Sand und Kiesel, gemischt mit Pflanzenresten und Torfstücken, dokumentieren einen Wasserstrom, der alles, was ihm in den Weg kam, mitgerissen und schließlich abgelagert hat. Seeigelreste, Muscheln und Algen beweisen, dass das Wasser aus dem Meer kam.

Die Altersbestimmung von Atomen in sämtlichen Ablagerungen in Norwegen, Schottland, den Shetland- und den Färöerinseln ergab übereinstimmend ein Alter von etwa 8000 Jahren. Es muss sich mithin um die Spuren ein und derselben Monsterwelle handeln. Auch die Riesenlawine am Atlantikgrund datierten Meeresforscher auf ein Alter von 8000 Jahren. Die Ablagerungen an den Küsten des Nordatlantiks müssen daher von einem Tsunami stammen, den jene Lawine auslöste, die nach einer norwegischen Stadt Storegga-Erdrutsch heißt.

Die Wissenschafter stehen nun vor der Frage, ob sich eine Katastrophe dieser Art in Europa wiederholen könnte. Immerhin wurden allein in den letzten fünfzig Jahren weltweit rund siebzig große Tsunamis registriert. Die meisten werden allerdings von Unterseebeben ausgelöst, die im Nordatlantik selten ist.

Gashydrate

Möglicherweise aber gibt es dort einen anderen Unsicherheitsfaktor: Im Meeresboden vor der norwegischen Küste befinden sich vermutlich großflächige Gasvorkommen, so genannte Gashydrate, die empfindlich auf Änderungen der Umwelt reagieren. "Wahrscheinlich haben zerfallene Gashydrate den Meeresboden gelockert und die Schlammlawine vor 8000 Jahren gelöst", sagt der Meeresgeologe Gerhard Bohrmann von der Universität Bremen. Ein solches Ereignis könnte auch heute den Meeresgrund ins Rutschen bringen und einen ähnlichen Tsunami wie einst auslösen, so Bohrmann.

Der Geologe David Smith von der Universität Coventry meint gar, die Riesenwoge vor 8000 Jahren hätte die bis dahin in der heutigen Nordsee bestehende Landbrücke überspült und Großbritannien vom Kontinent getrennt.

(Axel Bojanowski, DER STANDARD, Print, 09.09.2003)

Eine riesige Welle, ein Tsunami, verwüstete vor 8000 Jahren die Küsten Nordeuropas, vielleicht hat sie sogar Großbritannien vom Festland abgetrennt. Eine derartige Katastrophe wäre jederzeit wieder möglich, argwöhnen Forscher.
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    Allein in den letzten fünfzig Jahren wurden weltweit rund siebzig große Tsunamis registriert.

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