Die Fastfood-Fischer

15. Jänner 2004, 09:11
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Shakespeares "Was ihr wollt" zum Saisonauftakt des Burgtheaters: Eine dürftige Suffklamotte

Roland Koch sprang für die krankheitshalber verhinderte Andrea Breth ein - und inszenierte zum Saisonauftakt der Burg Shakespeares "Was ihr wollt" als dürftige Suffklamotte.


Wien - In Illyrien, wo Shakespeares triebverwirrte Komödie Was ihr wollt nicht bloß spielt, sondern mit der Liebe zynisch Ernst macht, jagt ein verschmockter Herzog namens Orsino einen kapitalen Liebeshirschen. Indem er einer Adeligen namens Olivia nachstellt, die ihn zwar nicht erhört, dafür aber sein unstillbares Begehren schauerlich wach hält. Im Burgtheater, wo man es eines unnötigen Regiedebüts wegen (Roland Koch) alles etwas billiger gibt, begehrt ein britischer Kolonialoffizier (Franz J. Csencsits) eine Art Hildegard Knef der levantinischen Schmachthöfe.

Eine Jackie O. der Selbstvergessenheit (Corinna Kirchhoff), die im Halbdunkel eines von Boutiquenbrillen getönten Liebeskaters alles Mögliche - und Unmögliche - zugleich gibt: die Marschallin mit dem verminderten Anwert der eingebildeten Alten.

Das durchgeistigte Frauenzimmer, das im trüben Milieu der anrüchigen Fischhändler, die im levantinischen Elendshafen vor einer Forellenwandmalerei (Bühne: Annette Murschetz) müßig vor Anker liegen, den Primadonnenkarpfen mimt - den kapitalen Liebesfisch, gesotten im Alkoholdampf. Die Beine wie Langustenscheren um den kräuselhaarigen herzöglichen Liebesboten klammernd (Dorothee Hartinger als Viola), der ein Mädchen ist, das einen Burschen mimt, um endlich ganz fraulich fühlen zu dürfen.

Es ist die einzig nennenswerte, lachhaft schöne Figurenerfindung im Verlaufe eines ärgerlichen Abends - mit einem Malvolio (Michael König), immerhin einer der tragischsten Figuren der Weltliteratur, als Knattermimen im Bondage-Look. In Was ihr wollt halten sich die Begehrenden ihre Liebesobjekte wie Spiegelscherben einander vor. Hier bekümmert man sich ums Spiegeltrinken. Und um die Mätzchen einiger Komiker.

Das Mädchen Viola strandet in diesem Fabelland Illyrien, um das Begehren des Herzogs auf sich zu lenken - den sie umso mehr liebt, je mehr dieser sich in Olivia verschaut. In der Burg scheint der Herzog eher um den Sitz seiner Knautschlederstiefel besorgt. Auch wenn er vom Mädchen, das er liebt, gerade weil er es für einen Knaben hält, den Hemdkragen fürsorglich gerichtet bekommt.

Shakespeare fasst den Figuren handbegriffsstutzig in die Hosen. In Kochs Welt schluckt man Eierlikör. Die Rüpel verstauen in den Figuren des Tobias Rülp (Nicholas Ofczarek), des Sir Bleichenwang (Wolfgang Michael) einen abartig blühenden Circus-Roncalli-Eifer. Nur der Trödelanzug passt nicht: Das Staatstheater vergönnt sich die Lockerung der Gürtelschnalle.

Die Ersatzleistung stimmt traurig: Dieses Illyrien ist ein Kantinenwitz. Gut möglich, dass man dort, in entsprechend aufgeräumter Stimmung, die Hosen herunterlässt. Wie die Inszenierung (mit tauglicher Neuübersetzung von Reinhard Palm) nun war? Auf Halbmast. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2003)

Von Ronald Pohl
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    Der bandagierte, liebestolle Malvolio (Michael König) vor seiner angebeteten, illyrischen Jackie O. (Corinna Kirchhoff): Jux und Tollerei als Burg-Theaterverhinderer.

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