Kein Versäumnis

16. Oktober 2003, 12:25
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Wir haben eine veritable Fernsehkrise ...

Lieder, die das Leben schreibt: Nein, Schatz, ich kann zum Wochenende nicht mit dir bergsteigen gehen - was, wenn etwas im Fernsehen läuft, das sie nie mehr wieder zeigen? Die begründete Angst, etwas ein für alle Mal zu versäumen, die die Lemonheads einst in etwa so und treffend formulierten - die war früher. Damals, als wir im verzweifelten Bemühen, wenigstens eine Ahnung davon zu bewahren, Tonspuren unserer Lieblingsfilme unter Zuhilfenahme des Kassettenrekorders archivierten.

Heute ist das alles anders: Erstens, weil das Privatfernsehen das Recycling zur obersten aller Fernsehmachertugenden erhoben hat. Und uns beispielsweise leicht umgeschnittene Beiträge unter neuen Schlagwörtern gleich mehrmals verkauft (Stichwort "Ostalgie", Abteilung "RTL-exklusiv Weekend"). Zweitens, weil die Sammlung ungesehener Videomitschnitte zu Hause ohnehin schon bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Wer soll das alles anschauen? Wann? Und vor allem: warum eigentlich?

Sollten wir nicht stattdessen ein gutes Buch lesen? Das Badezimmer putzen? Gäste einladen und sie nach allen Regeln der Kunst bewirten? Oder vielleicht doch zum Wochenende bergsteigen gehen?

Zehn Tage in einem Hotelzimmer, in dem das Mini-Fernsehgerät, knapp unter der Decke montiert, wie eine fette, schwarze, sprungbereite Riesenspinne auf einen herunterlugte, waren dem TV-Konsum auch nicht eben förderlich. Sie merken schon: Wir haben eine veritable Fernsehkrise. (irr/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2003)

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