Endlich einmal so richtig ausschlafen!

8. September 2003, 18:31
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Christian Schachinger

Wien - Von Genuss oder Spaß war nie die Rede. Von der Musik hat nie jemand gesprochen. Wie man auf der Homepage der No Angels und später folgender TV-Casting-Wunder wie Bro'Sis immer schon nachlesen konnte: Das Dasein als synchrontanzender und konform agierender Popstar ist vor allem eines, es ist unendlich kräfteraubend. Und keinesfalls beneidenswert.

Hier werden jugendliche Fans auf das spätere Arbeitsleben und dessen Entbehrungen vorbereitet. Nicht nur die Wirtschaft steckt in einer Krise. Diese hat auch den sonst zur Realitätsflucht neigenden Pop erfasst.

Tausende Bewerber wollen einen Job. In diesem Fall statt Bauarbeiter oder Volkswirtin eben Popstar. Nur eine Hand voll pro Jahr wird diesen Job aber bekommen - die Rolle als lohnangestellte Performerin in einer Plattenfirma, die nur eines kennt: unbedingte Opferbereitschaft und Selbstaufgabe für ein höheres Ganzes namens Umsatzsteigerung.

Sprich: Die No Angels als erste deutsche Stars einer noch immer rollenden TV-Castingshow-Manie (Popstars, Deutschland sucht den Superstar, Star Search, Starmania . . .) sollten mit ihren meist als fröhliche Durchhalteparolen angelegten Hits den wegen überhöhter CD-Preise, Internet-Piraterie und einem katastrophalen Mangel bezüglich der langfristigen Förderung eigenständiger Jungtalente daniederliegenden Popmarkt verbrauchermäßig wieder auf Konsumkurs bringen.

Offensichtlich schauen drei Jahre real existierendes Popstar-Dasein allerdings anders aus. Bis Mitternacht auf der Bühne, gehetzt von Foto- und Interviewtermin zu Fernsehauftritten und Plattenaufnahmen. Freizeit findet ausschließlich vor TV-Kameras im Kreis anderer Halbprominenz statt. Und was sonst noch an Zeit bleibt, das dient jeden Tag ab sieben Uhr morgens zur Perfektionierung der eigenen Leistungen im öffentlichen Interesse. Tanztraining, Gesangstraining, Training im Umgang mit Fans und Presse. Kurzfristig ein freies Wochenende für einen Videodreh opfern? Sehr gern. Bloß nicht entlassen werden!

Das Horrorszenario für die junge Zielgruppe ist zwar laut jetzt eiliger Entgegnungen des Managements der No Angels kein solches - weil sich die Mutter aller deutschen Castingbands nach drei Jahren an der Spitze nur ein Jahr Auszeit nehmen werden wird. Laut der aktuellen Ausgabe von Bild am Sonntag hat sich das mit bis dato fünf Millionen verkauften Produkteinheiten erfolgreichste Retortenbaby im Lande Deutschpop allerdings aus freien Stücken und ohne Option auf eine Rückkehr dazu entschlossen.

Die vier von der ursprünglichen Originalbesetzung verbliebenen Angels, Sandy, Nadja, Jessica und Lucy (Vanessa wurde wegen Babypause ganz im Sinne der New Economy schon vor einigen Monaten mittelbar freigestellt), haben sich aufgrund von "Kräftemangel, Auszehrung und chronischem Schlafentzug" zur Auflösung entschlossen. Die Situation muss ernst sein. Ihr Plattenkonzern konnte trotz dem soeben veröffentlichten dritten Album, Pure, und einer fixierten Tournee 2004 nichts daran ändern. Von wegen: endlich einmal ausschlafen! Kurzer Nachsatz: Laut einer von der Castingshow Popstars II, aus denen Bro'Sis hervorgingen, abgesprungenen Ausbildnerin erzielte man während eines Trainingscamps auf Ibiza dadurch dramatischere Fernsehbilder, dass man die jungen Kandidaten während stundenlanger Synchrontanz-Übungen einfach dehydrieren ließ. Ein der besagten "Verräterin" deshalb im Vorjahr angedrohter Prozess wegen Verleumdung ist in aller Stille versandet.

Die No Angels, die erste deutsche TV-Castingshow-Band ("Popstars"), hat sich soeben aufgelöst - aus freien Stücken. Ein Nachruf auf einen Pop, der aus der wirtschaftlichen Krise geboren wurde.
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