Wirbelbewegungen im Strom der Geschichte

8. September 2003, 18:31
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Tolstoi - eine Herausforderung

Claus Philipp

Aus der Geschichte zu lernen, speziell in so genannten Krisenzeiten, dies hieße auch zu hinterfragen, in welcher Form und mit welchen Ideologien befrachtet Historie der Nachwelt überliefert wird. Besonders Kriege provozieren zu Fragen, wie sich denn nun "Macht" definiert bzw. wie das Verhältnis zwischen Herrschern und Nationen, "Tätern" und "Opfern", Quellenlage und Realität, Intentionen und tatsächlichen Abläufen beschaffen ist.

"Den Gegenstand der Geschichte bildet das Leben der Völker und der Menschheit", schrieb Lew Nikolajewitsch Tolstoi 1869 im Epilog zu seinem Romanepos Krieg und Frieden (Vojna i mir) - wobei seine Schreibweise des Wortes "mir" eher eine Übersetzung im Sinne von "Gemeinschaft", "Gesellschaft", ja "Welt" nahe gelegt hätte. Es sei unmöglich, so Tolstoi nach immerhin gut 2000 Seiten, "das Leben der Menschheit oder auch nur eines einzigen Volkes unmittelbar und allseitig durch das Wort zu erfassen und zu beschreiben".

Darin mag, nach mehreren Fassungen von Krieg und Frieden, an denen der Dichter mit bemerkenswerter Respektlosigkeit gegenüber dem eigenen Zugang zu Geschichte(n) schrieb, Resignation mitgeschwungen haben. Tatsache ist aber, dass Tolstoi in permanentem Studium von Napoleons Russlandfeldzug zunehmend den Respekt vor den zeitgenössischen Heldensagas verlor.

Nicht nur, dass er die Würdigung der Lichtgestalt Napoleon als treibendem Strategen konsequent verweigert: Tolstoi geht weiter. Es gibt - abgesehen von antiken Mythen und Homers Gesängen (auf die sich Tolstoi beruft) - bis ins 19. Jahrhundert hinein kaum einen historischen Roman, der nachhaltiger an einer Gestaltung der Weltläufte durch Souveräne zweifelt.

Lassen wir einmal die zentrale Saga rund um drei Adelsfamilien beiseite: Über Hunderte Seiten hinweg verhandelt Krieg und Frieden, virtuos zwischen Recherche und Fiktion, Erzählung und Essay pendelnd, seltsame Diskrepanzen zwischen Geschichte und Eigensinn.

Da werden angeblich einflussreiche Generalstabssitzungen aus Erschöpfung und Überforderung heraus wortwörtlich verschlafen. Vermeintlich virtuose Befehle werden über große Distanzen hinweg nicht ausgeführt - was aber nicht unbedingt bedeutet, dass das erstrebte Ziel nicht erreicht würde. Und dem angeblich unbezwinglichen Napoleon steht mit dem russischen General Kutusow ein halb blinder Greis gegenüber, der gerade in Verzögerung und Hinhaltetaktik auf denkwürdig unspektakuläre Weise sein Ziel erreicht.

1812, nach der für beide Seiten verheerenden Schlacht bei Borodino, bei der man darüber streiten darf, ob sie von den Franzosen tatsächlich "gewonnen" wurde, verzettelten sich die entkräfteten "Sieger" bei der Besetzung des von der Bevölkerung weit gehend verlassenen Moskau. Bei Irrzügen quer durch das winterliche Hinterland, auf der Flucht zurück, wurde Napoleons Armee endgültig aufgerieben, teilweise durch einen Partisanenkrieg, der Kutusow zeitweilig völlig entglitt oder an ihm vorbeigeführt wurde.

Tolstoi beobachtete diese Bewegungen und Kräfte, die auf Militärkarten trügerisch klare Pfeildiagramme ergeben, wie Strudel und Wirbel in einem reißenden Gewässer, das gen Osten schwappte und dann in einem denkwürdigen Staumoment zurück. Er schreibt:

"Die Bewegung der Völker wird nicht durch Macht, nicht durch intellektuelle Tätigkeit, nicht einmal durch die Verbindung des einen mit dem anderen hervor gerufen (. . .) sondern durch die Tätigkeit aller Menschen, die an einem Ereignis teil haben und sich stets so ordnen, dass die, die den größten unmittelbaren Anteil an einem Ereignis haben (die Soldaten, das Volk), die geringste Verantwortung übernehmen und umgekehrt."

Heute, am 175. Geburtstag von Lew Tolstoi und zwei Tage vor dem dritten Jahrestag von 9/11, kann man sagen, dass dieser Blick auf (Zeit-) Geschichte als Möglichkeit immer noch viel zu wenig wahrgenommen wird. Allerorten lesen wir von historischen Allianzen und Gegnerschaften, Bush's War wird analysiert, als werde die Welt von mehr oder weniger eindeutigen Kommandozentralen aus diktiert, in klar nachvollziehbaren, linearen Bahnen.

Lew Tolstoi hätte solche Lesarten wohl bestenfalls kopfschüttelnd beiseite geschoben - gar nicht erst zu reden von seiner Auffassung eines Christentums, dem fundamentalistische Slogans und klare Rollenzuweisungen zutiefst suspekt waren. Wahrscheinlich würde Tolstoi sogar fragen, ob eine Besetzung wie jene Bagdads als ein Kriegsende gelesen werden darf. Ob nicht die eigentlichen Etappensiege (und Niederlagen) erst ins Haus stehen.

Ihm war nur klar: "Niemals können wir uns eine Handlung eines Menschen vorstellen, die ohne die Beteiligung von Freiheit vollzogen wird und nur dem Gesetz der Notwendigkeit unterliegt." Den schmalen Grat dazwischen bewusst zu beschreiten, das war für ihn Leben. Oder: Krieg.

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