Mann, ist der Markt mörderisch! - Genua ist wunderbar und in der Staatsoper subtil gedimmt - Blut fließt, um nicht königlich zu werden

8. September 2003, 18:31
posten

Der 1996 mit "Disco Pigs" schlagartig zu europäischer Bekanntheit gelangte irische Dramatiker Enda Walsh erschrieb mit dem Vater-Tochter-Stück Bedbound in Wahrheit eine Hassschrift auf die gnadenlosen und unumschränkt inhumanen Verlockungen des Marktes: Der "Vater" zwängt sich vom Lagerarbeiter zum Möbelhausbesitzer hinauf; Frau und Kind sind dabei bloß zwei niedliche Stufen zum Erfolg. Dies eiskalte Kalkül schlug einen Krater in die Familienbehausung, und da unten sitzen sie jetzt - Vater und Tochter, die Mutter ist durch Vaterhände bereits tot.

Von der obersten Galerie im Künstlerhaustheater blickt man in diesen hinab: in ein mächtiges Bühnenbild von Johannes Leitgeb, der diesen genialen Holzkrater auch noch als ein vom Vater gezimmertes Möbelstück vorstellt. Es ist ein ausgeklügeltes Moment eines insgesamt sehr vordergründigen Stückes, dass die Tochter da unten auch noch ein Lebtag lang ausgerechnet an eines dieser Vatermöbel gefesselt bleibt, ans Bett nämlich. Heidelinde Pfaffenbichler zieht als blutrot gekleidetes Kind die gelähmten Beine auf der Matratze hinter sich her.

Das Gelungenste in dieser Inszenierung Nicolas Dabelsteins bleibt das Bühnenbild. Schauspielerisch führt sie auch in Abgründe: Stets am stimmlichen Limit und um zahllose fragwürdige "Hahahas" nicht verlegen, geht ein durchtrainierter Erwin Leder, sich dabei über Gebühr verausgabend, die Wände hoch. Stück gespielt, Figur aber tot. (afze)
dietheater Künstlerhaus, 1., Karlsplatz 5, Karten: (01) 587 05 04, www.dietheater.at, Di-Sa 20.00

Genua ist wunderbar und in der Staatsoper subtil gedimmt

Mit "Plebe! Patrizi! Popolo!" singt Thomas Hampson als Simon Boccanegra sonor-sanft das Genueser Volk an. "Achtung, Klassik!", ruft dem Publikum jedes Bild, jede Szene der mutig requisitenarmen Stein-Inszenierung entgegen: Reichlich glatte Wände, nur da und dort ein wenig Faltenwurf. Bloß die öden Kostüme Moidele Bickels erinnern an einen Bioladen.

Barbara Frittoli singt die Amelia zum ersten Mal in Wien. Sie fügt sich nicht nur in das hochkarätige Ensemble, sie ist deren Zentraljuwel - die Makellosigkeit in Person. Ihr Sopran im Pianissimo zart und vollendet, mit ansteigender Dynamik wächst das verführerisch Gleißende in der vibratofreudigen Stimme, unerhört leicht die Spitzentöne. In den leisen Finalpassagen der Duette zaubert sie im goldmedaillenverdächtigen Synchronsingen mit Kollege Sabbatini (als Amelias Herzensheiliger Paolo) atemberaubend subtile Klangwunder, luftig wie Baisers und doch zart glänzend. Amelias Großpapa Fiesco gibt - wie schon in der gefeierten Wien-Premiere im letzten Oktober - Ferruccio Furlanetto: mit souveräner, fast lässiger Präsenz und einem weiten und doch scharfkantigen und ein ganz klein wenig (sexy) abgesungenen Bassbariton. Ihm zur Seite Thomas Hampson als Rivale und Titelheld: verträumt, melancholisch, ein sanfter Riese.

Daniele Gatti dimmt Verdis hoch dramatisches Liebes- und Politdrama über weite Strecken zum subtilen Kammerspiel herunter, düst dann zum Ausgleich wieder durch etliche Partiturabschnitte wie durch Hochgeschwindigkeitsstrecken, mit Soltischer Energetik, ja Gnadenlosigkeit. Er bewahrt dabei aber immer klangli- che Balance, Geformtheit und Differenziertheit, modelliert die Ensembles wie feingliedrige Plastiken: wunderbar. Anschauen! (end)
10. u. 14. 9., Staatsoper, Wien 1., Opernring, (01) 51 444-78 80. 19.30

Blut fließt, um nicht königlich zu werden

Für ihren Mann Jason hat Medea sogar ein Ungeheuer getötet. Eine aus tiefer Liebe herrührende Heldentat, für die ein realsoziales Äquivalent zu finden man sich schwer tut. Vielleicht auch deshalb hat man die Eröffnungspremiere des Schauspielhauses (Regie: Barrie Kosky) vor zwei Jahren ganz archaisch gewandet und eine zeitlose Umsetzung in hoch emotionales Körpertheater gewählt. "Treten Sie ein in eine andere Welt", so der Plakatslogan des Hauses, der im Falle von Medea, hängt er an der Praxis eines Scheidungsanwaltes, bei der jetzigen Wiederaufnahme verdammt viel Sinn macht: Scheiden tut weh, oh ja! Zu einer interessanten Tonmischung aus Schostakowitsch-Walzerklängen und naiver Liebeslyrik geht ein Reich der Schatten auf, wenn sich Melita Jurisic rachsüchtig gebärdet. Im Finale sogar hollywoodmäßig. (afze)
Schauspielhaus, 9., Porzellang. 16, Reservierung nötig: (01) 317 01 01.
Bis 3. 10.,
20.00

Share if you care.