Erschreckende Dummheit, hysterische Hetzjagd

10. September 2003, 15:12
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Lainzer Pflegeskandal: Lanze für Elisabeth Pittermann - ein Kommentar der anderen von Arnold Pollak

Was ist passiert? - Patientinnen einer Station im Geriatriezentrum Wienerwald in Lainz wurden gröblich vernachlässigt. Ein Prüfbericht der zuständigen Aufsichtsbehörde hat dokumentiert, dass die Körperpflege sowie die Mobilisierung der älteren Mitmenschen nicht entsprechend vorgenommen wurde. Disziplinäre Konsequenzen vor allem in den Führungshierarchien wurden gefordert.

Wer ist verantwortlich? - Zweifelsohne steht an der Spitze jeder Verwaltungseinheit der Stadt Wien immer ein politisch Verantwortlicher. Wiens Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann hat ihre politische Verantwortung beispielhaft wahrgenommen und die Prüfung der Missstände durch die Aufsichtsbehörde veranlasst. Unmittelbar nach Vorliegen der Prüfungsergebnisse hat sie die zuständigen Beamten, die als operative Instanz Durchführungsverantwortung tragen, angewiesen, sowohl disziplinäre als auch strukturelle Konsequenzen zu ziehen. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die schrecklichen Fehler nicht wiederholen.

Was nachdenklich stimmt! - Der alte Reflex, die Suche nach Sündenböcken, wird völlig rücksichtslos und unreflektiert eingeläutet. Hier erschreckt vor allem der Dilettantismus und die Dummheit, mit der manche Medien und Politiker/innen vorgehen. Die hysterische Hetzjagd auf das Pflegepersonal und die verantwortliche Politikerin wird genüsslich zelebriert, der Aufdecker von Fehlern wird für eben diese verantwortlich gemacht. Welch ein Fehlschluss!

Pauschalkritik

Was die Leser bedenken solten. - Viele Tausende mit großer Kompetenz und Einsatz arbeitende Pflegepersonen dürfen nicht wegen einer einiger weniger "schwarzer Schafe" pauschal verurteilt werden. Ein Politiker kann nicht für jedes Fehlverhalten eines seiner Mitarbeiter automatisch persönlich zur Rechenschaft gezogen oder gar diffamiert werden.

Jeder, der Elisabeth Pittermann kennen gelernt hat, weiß, dass gerade alte Menschen und Kinder ihr großes Anliegen sind, wie sehr sie als Ärztin an der "vordersten Front" Sorgen, aber auch Beschwerden von Patienten nicht nur versteht, sondern sich ihrer auch persönlich annimmt. Wir Ärzte - und da spreche ich für viele meiner Kollegen -, aber auch Patienten sind froh, eine Medizinerin an der Spitze der Gesundheit in Wien zu wissen, die seit Jahren bemüht ist, Verbesserungen im Gesundheitswesen dieser Stadt umzusetzen, wenn man sie nur ließe und sie nicht ständig behinderte ...

Ihr Kampf gegen bürokratische Strukturen inner- und außerhalb ihres eigenen Bereichs hat ihr nicht nur Freunde beschert, dafür aber auch viel an Dankbarkeit und Wärme jener Patienten eingetragen, für deren Bedürfnisse sie sich stark gemacht hat.

Was ich mir wünsche? - Dass die Menschen dieses Landes - bei aller angebrachten Kritik über Missstände - auch die herausragenden Leistungen unseres Gesundheitssystems und derer, die dafür stehen, erkennen und würdigen - zumindest solange es noch besteht. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2003)

1) Zum Vergleich: Die grüne Abgeordnete Sigrid Pilz, die den Prüfbericht an dieser Stelle am 29. 8. publik gemacht hat, schrieb dazu in ihrem Kommentar: "Der Entwurf für ein Wiener Pflegeheimgesetz, den Stadträtin Pittermann im Oktober des Vorjahres vorgelegt hat, lässt leider keine Hoffnung auf strukturverbessernde und qualitätssichernde Abhilfe aufkommen."

Univ.Prof. Dr. Arnold Pollak ist Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugend- heilkunde in Wien.
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