Streit um "Vatikanisierung" der Slowakei

9. September 2003, 09:45
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Papstbesuch fällt mitten in die Debatte um eine Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes

Bratislava - Nach wochenlangen Vorbereitungen und heftigen Diskussionen in der Öffentlichkeit erwartet die Slowakei kommenden Donnerstag die Ankunft von Johannes Paul II. Der viertägige Pastoralbesuch ist schon die dritte Visite des Papstes im Land seit 1990.

Der Papst wird nach seiner Ankunft mit den drei höchsten Repräsentanten der Republik - Staatspräsident, Parlamentspräsident und Regierungschef - zusammentreffen. Höhepunkt des Besuches ist eine Messe am Sonntag in Bratislava-Petrzalka, der Plattenbausiedlung unmittelbar an der Grenze zu Österreich, mit bis zu 400.000 Besuchern.

Emotionen gehen hoch

Dabei werden die Ordensfrau Zdenka Schelingová (1916-1955) und der griechisch-katholische Weihbischof Vasil Hopko (1904- 1976) selig gesprochen. Sie starben an den Folgen von Misshandlung und Haft während der stalinistischen Ära.

In Gegensatz zu den letzten zwei Papstbesuchen, die von der Öffentlichkeit eindeutig positiv wahrgenommen wurden, gehen diesmal die Emotionen hoch. Dazu trug auch Medienkritik bei, laut der übertriebene Vorbereitungen allein aus dem Budget rund 80 Millionen Kronen (1,9 Mio. Euro) verschlingen.

Vor allem aber fällt der Papstbesuch mitten in die Debatte um das liberale Abtreibungsgesetz, das die Regierungskoalition spaltet, und eine angebliche schleichende "Vatikanisierung" des Landes. Die Slowakei verabschiedete nämlich 2000 einen Rahmenvertrag mit dem Vatikan, der eine Reihe von Zusatzverträgen nach sich zieht.

73 Prozent Katholiken

Diese bauen die Rechte der katholischen Kirche erheblich aus, sehen unter anderem staatliche Finanzierung für katholische Schulen vor und sollen bis zum Vertrag über Gewissensvorbehalte führen. Ärzten würde so ermöglicht, aus Glaubensgründen eine Abtreibung zu verweigern, Lehrer könnte Sexualkundeunterricht ablehnen. Obwohl sich laut letzter Volkszählung 73 Prozent der Slowaken zum Katholizismus bekannten, fühlt sich ein Großteil der Bevölkerung durch die schleppende Diskussion frustriert.

Dies beunruhigt wiederum kirchliche Würdenträger. Erzbischof Ján Sokol sprach sogar von einer Verschwörung gegen die Kirche. Für ihn steht fest, dass sich zumindest die Medien im Land abgesprochen hätten, nur negative Aspekte des Besuches herauszustreichen. Die katholisch-konservativen Kräfte im Parlament erhoffen sich hingegen vom Papstbesuch eine Stärkung ihrer Positionen. (Renata Kubicová aus Bratislava, DER STANDARD Printausgabe 8.9.2003)

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