Andrea Waldbrunner: Weggeschaut

1. Oktober 2003, 15:06
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Nach all den Pflegeskandalen, ist es die unfassbar, dass es nun wieder einen gibt

Ist es nach all den Pflegeskandalen, die schon in den vergangenen Jahren aufgedeckt worden sind, nicht unfassbar, dass es nun wieder einen gibt? All die Beteuerungen nach deren Bekanntwerden waren wohl umsonst: bessere Vorschriften, bessere Schulung der Mitarbeiter, mehr Kontrollen wurden oft angekündigt. Im einen oder anderen Fall sicher auch zum Wohl von Patienten umgesetzt. Warum geschah es jetzt trotzdem, dass im Geriatriezentrum Wienerwald Patienten nur alle paar Monate gebadet wurden und, mit Windeln versehen, schon am frühen Nachmittag im Bett landeten?

Infrastruktur ist aus heutiger Sicht katastrophal

Zum einen ist der Pavillon 1 einer der alten, die es in der 1904 eröffneten Anlage gibt. Die Infrastruktur ist aus heutiger Sicht katastrophal. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung für mangelnde Pflege. Das Gleiche gilt für den Personalstand. Zu wenig Personal - gut möglich, aber es ist illusorisch zu glauben, dass mit mehr Mitarbeitern alle Probleme beseitigt wären.

Was im Lainzer Geriatriezentrum passiert ist, beruht auf ganz anderen Mechanismen. Es bestand offenbar ein Arbeitsklima, in dem die Lämmer einigen wenigen Leithammeln schweigend und ohne Aufmucken gefolgt sind. Man fügte sich gruppendynamisch ins Unvermeidliche und ignorierte, dass die Schützlinge in einem Zimmer lagen, das laut Kontrollbericht "optisch und olfaktorisch keinen guten Eindruck machte". Im Klartext: Es war grausam. Dass das nicht früher herausgekommen ist, kann nur mit konsequentem Wegschauen erklärt werden.

Das alles ist aber zum Glück kein allgemeines Sittenbild in österreichischen Pflege- und Krankenanstalten. Angesichts solcher dramatischen Fälle erinnert man sich auch an jene, die ihren Beruf in der Pflege als Berufung sehen. Auch diese gibt es im Geriatriezentrum Wienerwald. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe 6/7.9.2003)

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