Revolution in der Tumormedizin für Kinder

10. September 2003, 12:19
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Wiener Forscher können Aggressivität des Neuroblastoms messen - und vielen Säuglingen Chemotherapie ersparen

In der wissenschaftlichen Literatur wird es häufig noch als "rätselhafter Tumor" bezeichnet: das Neuroblastom. Dieses ist neben Leukämie, Lymphomen und Hirntumoren die zweithäufigste bösartige Krebserkrankung im Kindesalter. 30 bis 40 Prozent aller Fälle betreffen Säuglinge, insgesamt 90 Prozent aller Neuroblastome werden im Alter bis zu sechs Jahren entdeckt. Nur sehr selten tritt der Tumor auch nach der Pubertät auf. In Österreich kommt es jedes Jahr zu etwa 25 Neuerkrankungen - fasst man alle malignen Neuerkrankungen im Kindesalter zusammen, beträgt diese Zahl 250.

Die Diagnose Neuroblastom ist ein Schock für Eltern und Kinder. Der solide Tumor gilt bis heute als eine der aggressivsten Krebsarten und zieht nach der Diagnose meist die massivsten medizinischen Interventionen nach sich - von Chirurgie bis Hochdosis-Chemotherapie.

Identifikation genetischer Marker

Dass dies jedoch nicht immer so sein muss, hat das Wiener Forscherehepaar Inge und Peter Ambros vom St. Anna Kinderspital in einer von Wissenschaftsministerium und Forschungsinstitut für krebskranke Kinder (CCRI) geförderten Studie herausgefunden. Die Medizinerin und der Biologe konnten genetische Marker identifizieren, nach denen sie die Entwicklung des Tumors voraussagen können - derart kann vielen Säuglingen und Kindern eine Chemotherapie erspart werden. Damit aber nicht genug: Das Forscherduo hat auch einen Mechanismus entdeckt, durch den ein Neuroblastom, ohne dass es bösartig wird, ausreift - ein möglicher Ansatz für eine neue Therapie.

Neuroblasten entarten

Das Neuroblastom entsteht durch eine Entartung von Zellen (Neuroblasten) des autonomen Nervensystems, das die unwillkürlichen Funktionen, wie Herz-, Kreislauf-, Darm- und Blasentätigkeit steuert. Neuroblasten findet man in den Nebennieren und in einer strangförmigen Ansammlung von Nervenzellen beidseits der Wirbelsäule, dem "Grenzstrang". Folglich können Neuroblastome in den Nebennieren und auf jeder Höhe entlang der Wirbelsäule entstehen, sie können lokal begrenzt bleiben oder weit metastasieren. Entsprechend unterschiedlich auch die Symptome: Harnstau, Lähmungen, Schwellungen, Gewichtsabnahme.

"Was den Tumor aber so rätselhaft macht", erklärt Peter Ambros, "ist das Phänomen, dass sich ein Teil der Neuroblastome spontan zurückbildet, mitunter sogar dann, wenn sie bereits metastasiert sind." Was ihn und seine Gattin schließlich zur Gretchenfrage geführt habe, welche der augenscheinlich gleichen Tumoren sich bösartig entwickeln und welche nicht. Ihre gefundenen Antworten sind verblüffend.

MYCN

Neuroblastomzellen besitzen in ihrem Erbgut das spezifische Tumorgen "MYCN". Und ihr Genom kann in unterschiedlicher "Ploidie" vorliegen - aufgeteilt auf einen zweifachen (diploid) oder dreifachen (triploid) Chromosomensatz.

"Bei den genetischen Untersuchungen von mehr als 500 Neuroblastomen", erklärt Peter Ambros, "konnten wir feststellen, dass der Tumor immer dann extrem aggressiv war, wenn eine starke Amplifikation, also eine Vervielfältigung des Onkogens MYCN vorlag." Andererseits hatte der Tumor die Potenz zur Rückbildung, "wenn diese Veränderung zusammen mit einer anderen, am Chromosom 1, fehlte, und ein dreifacher Chromosomensatz vorhanden war". Damit liege nun erstmals ein 100-prozentiger Marker für eine extrem bösartige Entwicklung des Neuroblastoms vor, sagt Peter Ambros: "Entecken wir bei Kindern ein Neuroblastom, das diese genetischen Eigenschaften" - Diploidie oder starke Amplifikation - "aufweist, wissen wir: sofort therapieren mit allem, was es gibt."

Bei triploider Form kann Chemotherapie erspart werden

Andererseits, freut sich Inge Ambros, "kann Kindern mit einem Neuroblastom, dessen Tumorzellen in triploider Form vorliegen, meist eine belastende Chemotherapie erspart werden." Denn in diesem Fall bestehe eine große Chance, dass sich das Neuroblastom spontan zurückbildet, wie dies bei einem bestimmten Stadium im Säuglingsalter oder bei verbliebenem Tumorrest nach Operation der Fall ist, oder zumindest ausreift und nicht bösartig wird. Das Forscherehepaar hat errechnet, dass von allen Neuroblastomen bis zu 23 Prozent eine Amplifikation des Onkogens MYCN aufweisen, somit extrem bösartig werden, und weitere rund 25 Prozent diploid und ebenfalls aggressiv sind.

Im Gegensatz dazu können sich triploide Neuroblastome ohne weitere Veränderungen entweder spontan zurückbilden oder ausreifen - hin und wieder stellt man bei der Autopsie verstorbener älterer Menschen fest, dass sie zwar ein Neuroblastom hatten, das aber ohne erkennbaren Schaden anzurichten irgendwann zu einem scheinbar bedeutungslosen Zellklumpen geworden ist. Ein weiteres Rätsel.

Schwannzellen

Die Ambros' haben sich daher näher mit der Maturation (Ausreifung) der Neuroblastome befasst und sind drauf gekommen, dass es körpereigen Zellen gibt, die in den Tumor eindringen und diesen stoppen: die Schwannzellen.

Die für die Reizweiterleitung von Nervenzellen verantwortlichen Axone (Nervenfasern) werden von einem schützenden Mantel umgeben, der sich aus Schwannzellen bildet. Da Neuroblastomzellen entartete Nervenzellen sind und man weiß, dass jeder Tumor sein ursprüngliches Muttergewebe nachahmt, nahm man bisher an, dass die in ausgereiften Neuroblastomen gefundenen Schwannzellen eben auch Tumorzellen sind. Was nicht sein kann: "Schwanzellen sind diploid, ausgereifte Neuroblastome jedoch triploid", erklärt Inge Ambros.

Selbstmord im Reagenzglas

Sie fand heraus, dass die von den Tumoren gebildeten Axone Signale aussenden, die gesunde Schwannzellen anlocken. Diese dringen entlang der Nervenfasern in den Tumor ein, stoppen seine Wucherung. Das vielleicht spektakulärste Ergebnis dieser Untersuchung: Schwannzellen können - zumindest im Reagenzglas - sogar hoch aggressive diploide Neuroblastomzellen in die Apoptose, den Selbstmord treiben: ein Ansatz für eine mögliche neue Therapieform.

Dies bleibt vorerst aber noch Zukunftsmusik. Wichtiger sind für die beiden zunächst die Erkenntnisse um die genetischen Tumormarker. Damit sei laut Inge Ambros endlich ein "viel, viel individuelleres Vorgehen bei der Therapie von Neuroblastomen möglich, sowohl eine Vermeidung als auch eine Effizienzsteigerung der Behandlung". Was Peter Ambros eindrucksvoll mit Zahlen untermauert: Bei Neuroblastomen im Stadium drei (bereits sehr große Tumoren) "konnte die Überlebensrate von 45 auf etwa 90 Prozent gesteigert werden." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2003)

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