Hybris und Hypermacht

14. September 2003, 19:35
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Oder: Ein "chicken hawk" irrt sich gewaltig. Zum Zustand der USA zwei Jahre nach 9/11 und vier Monate nach dem Sturz der irakischen Diktatur - Ein Kommentar der anderen von Helmut Kramer

Wie schnell sich doch der Wind der Geschichte dreht! Bis vor knapp einem halben Jahr, bevor die militärische Intervention der USA und Großbritanniens im Irak begann, waren sich Kritiker wie Befürworter der unilateralistischen Politik der Bush-Administration mehrheitlich zumindest in einem Punkt einig: Die Vereinigten Staaten verfügten weltpolitisch über eine einzigartige und uneingeschränkte Machtposition; diese "Hypermacht" USA sei in der Lage, überall in der Welt militärisch zu intervenieren, und könne ihre Politik im Wesentlichen auch ohne Unterstützung anderer Länder und ohne Rücksicht auf die Vereinten Nationen durchsetzen. Die überwältigende Dominanz der USA manifestiere sich aber auch in der Ökonomie und in ihrem globalen kulturellen Einfluss ("soft power").

Wunschdenken

Wenig mehr als vier Monate nachdem Präsident Bush die Beendigung der Kriegshandlungen im Irak verkündet hat, wird in den Medien nun ein völlig anderes und weit pessimistischeres Bild von dieser "Hypermacht" gezeichnet. Konfrontiert mit dem US-Debakel beim Wiederaufbau des Irak und mit den Problemen, die sich die Bush-Administration mit ihren Alleingängen auf der Ebene der Diplomatie eingewirtschaftet hat, sprechen Kommentatoren und Analytiker nun vom Bankrott der Pax Americana, von der "Superohnmacht", dem "unfähigen Imperium".

Die stolzen Selbstinterpretationen der US-Regierung - Originalton George Bush: "Amerika besitzt eine militärische Stärke, die von niemandem herausgefordert werden kann" und "dieses großartige Land wird die Welt zu Sicherheit, Frieden und Freiheit führen" - werden nun als Ausdruck maßloser Selbstüberschätzung, als Mischung von messianistisch-religiös durchtränkter Ideologie und Wunschdenken, als "Hybris" kritisiert.

Die Entwicklung der vergangenen Monate im Irak und im angeblich "befriedeten" Afghanistan hat in der Tat deutlich gemacht, dass wesentliche Voraussetzungen und Denkannahmen in Bezug auf eine "Hypermacht"-Position der USA unrealistisch waren.

Erstens: Die Bush Administration und die neokonservativen Ideologen im Pentagon - nicht zufällig fast ausnahmslos "chicken hawks", die sich wie Präsident Bush vom Militärdienst beziehungsweise von Militäreinsätzen drücken konnten - verwechseln globale Macht mit globaler Herrschaft. Mit anderen Worten, die Führungsrolle der USA in Weltpolitik und Weltwirtschaft ist zweifellos ein Faktum, das daraus abgeleitete Streben nach totaler Kontrolle und Vormacht jedoch ein Produkt verzerrter Wahrnehmung. So war und ist die USA zwar dank ihrer überwältigenden militärischen Überlegenheit dazu fähig, so schwache Gegner wie den Irak oder das Taliban-Regime in Afghanistan zu besiegen und "wegzubomben". Ihre Fähigkeit zur Durchsetzung der eigenen Ordnungs- und Demokratievorstellungen in den militärisch besiegten Ländern, die Kapazität, "andere Nationen zum einzig dauerhaften Modell (gemeint ist das der USA) für nationalen Erfolg zu führen", wie es in der im September 2002 verkündeten Nationalen Sicherheitsstrategie heißt, ist jedoch weit geringer und beschränkter als angenommen.

Zweitens: Der Unilateralismus der Bush-Administration, eine Mischung aus Globalismus und Nationalismus ("die amerikanische Sicherheitsstrategie beruht auf einem spezifisch amerikanischen Internationalismus, der die Einheit unserer Werte und unserer nationalen Interessen widerspiegelt", Nationale Sicherheitsstrategie der USA, September 02), geprägt von der Vorstellung, dass die Welt von einem starken Zentrum mit dem Einsatz militärischer Mittel beherrscht beziehungsweise neu geordnet werden könne, ist in einem immer komplexer werdenden und intensiv vernetzten internationalen System ein politischer Anachronismus.

Die USA, die nach 1945 ganz wesentlich zur Herausbildung einer internationalen Rechtsordnung durch internationale Institutionen (UNO, Weltbank etc.) beigetragen haben, sägen so nicht nur an den Grundfesten einer sich in Richtung zunehmender Verrechtlichung und Demokratisierung entwickelnden Weltordnung, sondern auch an ihren eigenen Interessen.

Drittens: Der übersteigerte Stolz der Politiker in Washington auf die Errungenschaften der US-Demokratie und das grundsätzlich durch nationale - nach Bush "god-given" - Werte legitimierte Auftreten der USA im internationalen System erzeugt in einer Situation, in der eben diese Demokratie immer mehr den politischen Bach hinuntergeht und in der die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit (jedes fünfte Kind in den USA lebt unter der Armutsgrenze) immer obszöner wird, ein stetig wachsendes Glaubwürdigkeitsdefizit.

Rolle Europas

Vieles spricht somit dafür, dass sich die Performanz- und Akzeptanz-Krise der "Hypermacht" in den kommenden Monaten noch weiter intensivieren wird. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Bush-Administration sich dazu entschließen könnte, wieder zu einer maßvolleren und balancierten Außenpolitik zurückzukehren, mit den Vereinten Nationen und den europäischen Alliierten partnerschaftlich umzugehen und auch im eigenen Land längst fällige Gesellschaftsreformen einzuleiten, erscheint gering.

So bleibt der Welt nur Hoffnung, dass die Bevölkerung der Vereinigten Staaten bei der Präsidentenwahl im November 2004 eine Entscheidung trifft, die die Weltführungsmacht USA wieder in "Bewegung" bringt - in Richtung einer kooperativen internationalen Politik und einer Stärkung der Demokratie im eigenen Land.

Dass Europa zu einer derartigen positiven Entwicklung und zur Durchsetzung des "anderen Amerika" durch eine kritisch-selbstständige und aktive Positionierung in der Weltpolitik - und nicht durch eine Strategie der Vasallisierung `a la Tony Blair - beitragen kann, liegt auf der Hand.(DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2003)

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien.
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