Neue Runde im Streit um Übernahme der "Berliner Zeitung"

9. September 2003, 14:30
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Am Montag weitere Gespräche - Auflage von derzeit 193.000 Exemplaren

Das Tauziehen um die Übernahme der "Berliner Zeitung" durch den Holtzbrinck-Verlag geht in eine neue Runde. In einer Anhörung unter Leitung des deutschen Wirtschaftsministers Wolfgang Clement (SPD) wollen die Beteiligten an diesem Montag über den Kauf der Zeitung durch das Stuttgarter Medienhaus sprechen. Holtzbrinck, dem das Konkurrenzblatt "Der Tagesspiegel" gehört, hatte bei Clement nach Ablehnung des Bundeskartellamtes eine Sondererlaubnis für den Kauf des bisher zu Gruner + Jahr gehörenden Berliner Verlags ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier") beantragt.

Suche nach Käufer

Im Kern geht es bei der zweiten Anhörung um die Frage, ob Holtzbrinck ("Die Zeit", "Handelsblatt") einen Käufer für den "Tagesspiegel" gefunden hat oder nicht. Der Minister hatte nach einer ersten Verhandlung von Holtzbrinck den Nachweis für die Behauptung verlangt, es gebe für den defizitären "Tagesspiegel" keinen seriösen Interessenten. Der Verlag hatte daraufhin das Bankhaus Sal. Oppenheim mit der Suche beauftragt, jedoch erklärt, ein Käufer unter den vom Ministerium verlangten Bedingungen sei nicht aufzutreiben. Clement will den "Tagesspiegel" in seiner jetzigen Gestalt erhalten.

Mit einem Verkauf des Blattes sollte bei gleichzeitigem Erwerb der "Berliner Zeitung" eine mögliche beherrschende Stellung Holtzbrincks auf dem Lesermarkt für Berliner Abonnentenzeitungen verhindert werden. Der Hamburger Bauer-Verlag ("Bravo", "TV Movie", "Neue Revue") hatte Interesse am "Tagesspiegel" angemeldet.

Widerstand bei der Axel Springer AG

Holtzbrincks Übernahme-Pläne stoßen weiter auf großen Widerstand bei der Axel Springer AG. Im Falle einer Ministererlaubnis will Europas größtes Zeitungshaus die Entscheidung vor Gericht anfechten, wie Unternehmenssprecherin Edda Fels erklärte. Sollte Holtzbrinck mit "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung" eine beherrschende Position erlangen, sieht Springer die wirtschaftlichen Grundlagen von "Welt" und "Berliner Morgenpost" gefährdet. Die Redaktionen beider Blätter waren aus Kostengründen zusammengelegt worden.

Anfang der Woche hatte die Monopolkommission noch einmal ihr "Nein" zu Holtzbrincks Übernahme der "Berliner Zeitung" bekräftigt. Der Verlag habe nicht nachweisen können, dass "Der Tagesspiegel" unverkäuflich ist. Damit fehle die Voraussetzung für eine Ministererlaubnis. Clement ist an die Empfehlung der Monopolkommission nicht gebunden.

...Mit einer Auflage von derzeit 193.000 Exemplaren ist die "Berliner Zeitung" die größte Abo-Zeitung in der Hauptstadt. Es folgen die "Berliner Morgenpost" (150.000) und der "Tagesspiegel" (139.000). Die beiden Springer-Boulevardzeitungen "B.Z." und "Bild" bringen im Verkauf im Großraum Berlin 243.000 beziehungsweise 141.000 Exemplare über die Ladentische. Beim "Kurier" sind es 140.000. (APA/dpa)

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