Spitzfindigkeiten

17. September 2003, 09:55
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Eine messerscharfe Schau im Museum für Volkskunde in Wien zeigt Reflexionen zum Alltagsgegenstand Messer

Der Räuber Hotzenplotz trug gleich sieben an seinem Gürtel. Die Jets wie die Sharks streunten nicht ohne. Paul Bocuse, Othello, Mackie Messer, Messerjocke samt Blutswentje haben es so nötig wie der Gärtner, der Winzer, der Fleischhauer oder Julia, um ihrem Romeo zu folgen.


Kein Schnitzel labt den Wirtshausbesucher, ohne nähere Bekanntschaft mit ihm gemacht zu haben, kein Blinddarm würde mehr die Hand des Chirurgen, kein Truthahn mehr Thanksgiving fürchten.

Außerdem ist wohl kaum ein Alltagsgegenstand während seiner langen Erfolgsstory der Grundform so treu geblieben wie das Messer, dem das österreichische Museum für Volkskunde eine Ausstellung widmet. Natürlich gibt es überkandidelte, funkelnde Prachtsäbel und Hightech-Taschenfeitel, aber im Prinzip besteht das Messer aus einem Griffteil und einer einschneidigen Klinge, was es vom Dolch unterscheidet und es im Gegensatz zu ebendiesem als Werkzeug klassifiziert. Dass sechzig Prozent aller Morde per Messer, so Kathrin Pallestrang vom Museum für Volkskunde, geschehen, zeigt allerdings eine hohe Missbrauchsrate dieses manchmal vielleicht zu präsenten Gegenstands.

Man kann das Messer also drehen und wenden, wie man will, so reduziert und einfach der formale Grundgedanke, der dem Messer zugrunde liegt, scheinen mag, so mannigfaltig trumpft der Alltagsgegenstand in Sachen kulturhistorischer und soziokultureller Bedeutung auf.

In verdunkelten Räumen werden auf nachtblauem Samt fast 500 Schneidwerkzeuge und ihnen verwandte Gerätschaft vom eher plumpen Stück aus der Steinzeit bis hin zum Käsekrainer-Zerkleinerer aus Plastik und Lifestyleobjekten wie dem Leatherman gezeigt. An den Wänden finden sich projizierte Messerklingen, einen echten Messerwerfer konnte man, so die Kuratorin Pallestrang, trotz Bemühungen nicht auftreiben. Das ist aber vielleicht auch besser so.

Bei der Zusammenstellung der Schau achtete man außer auf formale Auswahlkriterien auch auf bereits erwähnte soziokulturelle Ebenen. Zum Beispiel die Sache mit der Prestigeträchtigkeit des Objekts. "Ein Messer zu besitzen hatte früher große Bedeutung", so Pallestrang, die weiter meint, "das Messer war auch Ausdruck der Persönlichkeit. Das galt sogar für Frauen. Bis heute ist das Messer auf Hochzeiten in ländlichen Gegenden Südtirols Teil des Hochzeitskleides." Verziert mit mehr oder weniger flotten Sprüchen und Schnitzereien sagte das jeweilige Messer auch viel über seinen Besitzer aus, dem dieses in alten Zeiten auch nicht weggenommen, sprich gepfändet werden durfte. Der Griff des Messers einer Kellnerin berichtet, dass sie sehr guten Wein ausschenkt, den Besten aber immer noch ihrem Liebsten einschenkt.

Aber auch viele andere "unsichtbare" Geschichten rund um den Gegenstand Messer werden in der Ausstellung erzählt. Man erfährt vom Respekt, den ein Vater seinem heranreifenden Sohn entgegenbrachte, wenn er diesen sein oder ein eigenes Messer tragen ließ. Und wohl auch kaum ein Bube frischerer Generationen hat den Stolz auf den ersten Feitel vergessen. Freilich werden auch Stücke gezeigt, die aus Zeiten stammen, als Tischsitten noch rauer waren, Besteck wie heutzutage Handys am Gürtel transportiert wurden und Gabeln gar verpönt waren. Es war die Kirche, die in zweizinkigen Gabeln Satan selbst vermutete und forderte, den Braten per Finger in den Mund zu expedieren.

Die Ausstellung von Messern aus ganz Europa mag in Zeiten, in denen eine Lara Croft ihren scharfen Feitel nach Bösewichtern schmeißt, keine Menschenmassen anlocken, aber sie ist eine zu empfehlende Gelegenheit, den Besuchern einen Alltagsgegenstand näher zu bringen, den wir unzählige Male ohne mit der Wimper zu zucken zücken. (Der Standard/rondo/Michael Hausenblas/05/09/03)

Österreichisches Museum für Volkskunde, Gartenpalais Schönborn, Laudongasse 15-19, 1080 Wien. Bis 31. Jänner 2004. Infos: 01 / 406 8905; volkskundemuseum.at
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