Krisenbetreuung hinter Gittern

11. September 2003, 21:07
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Die mutmaßliche Vergewaltigung eines 14-Jährigen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt sorgt für Diskussionen über die Zustände hinter Gittern

In der Justizanstalt Josefstadt, wo jüngst ein 14-jähriger Häftling vergewaltigt wurde, herrscht Überbelag in Zellen und Knappheit beim Personal. Die psychologische Betreuung von jungen Insassen soll jedoch weiter ausgebaut werden.

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Wien - Die mutmaßliche Vergewaltigung eines 14-jährigen Rumänen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt sorgt nun für Diskussionen über die Zustände hinter Gittern. Das erst vor wenigen Monaten im Landesgericht eröffnete "Jugenddepartement", das den aufgelösten Jugendgerichtshof ersetzte, gilt als moderne Einrichtung - mit größeren Zellen, in denen aber mehr Häftlinge untergebracht sind. Der Wegfall der früher längeren Transportwege zum Gericht spart pro Monat 1000 Überstunden bei der Justizwache.

Personalnot

Trotzdem herrscht Personalnot. Die Regel, wonach ein Haftraum nur in Anwesenheit von zwei Beamten aufgeschlossen werden darf, kann beispielsweise oft nicht befolgt werden.

Psychologische Betreuung

Die psychologische Betreuung der inhaftierten Jugendlichen hingegen habe in den vergangenen Monaten große Fortschritte gemacht, erläutert Professor Max Friedrich, Jugendpsychiater und Vorstand der Klinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters im Wiener AKH. Ende April - nach dem Skandal um Isolationszellen (DER STANDARD berichtete) - wurde auf Betreiben von Justizminister Dieter Böhmdorfer ein mit Experten besetzter Jugendbeirat gegründet. "Da wird wirklich intensiv gearbeitet", betont Friedrich und weist auch auf jugendpsychiatrische Einzelstunden und eine "24-Stunden-Krisenintervention" hin. Am Überbelag im Jugendtrakt könne die Betreuung freilich nichts ändern.

Verdacht auf Diebstahl

Wie berichtet, war der Bursche am 6. August bei einem Ladendiebstahl in Wien auf frischer Tat ertappt worden. Normalerweise ein Bagatelldelikt, das mit einer Anzeige geahndet wird. Doch im Fall des jungen, aber bereits strafmündigen Rumänen wirkten drei Besonderheiten erschwerend zusammen: Er hatte keine Papiere bei sich, er schwindelte der Polizei vor, dass seine Eltern nicht erreichbar seien, und er gab an, dass er die Beute verkaufen wolle. Dies alles führte zur Festnahme: Verdacht auf gewerbsmäßigen Diebstahl.

Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits wirft der Polizei vor, nicht in Erwägung gezogen zu haben, den Minderjährigen in einem Krisenzentrum des Jugendamtes unterzubringen. Stattdessen wurde er in Verwahrungshaft genommen.

Überbelegtes Gefängnis

Am nächsten Tag wurde er - immer noch in Verwahrungshaft - in die Justizanstalt Josefstadt überstellt. Die Anhalteverordnung sieht vor, dass Verwahrungshaft "nach Möglichkeit" als Einzelhaft zu erfolgen hat. Doch im überbelegten Grauen Haus landete der Bursche in Zelle E 216, wo schon zwei gleichaltrige sowie ein 17-jähriger Rumäne saßen.

Am 8. August gab der Bursche laut Gerichtsakt der Justizwache zu verstehen, dass er sich von seinen Mithäftlingen bedroht fühle, worauf ihm Zelle E 209 zugeteilt wurde. Dass er zu diesem Zeitpunkt bereits Opfer der mutmaßlichen Vergewaltigung geworden war, sagte er nicht. Auch nicht dem U-Richter, der am selben Tag die U-Haft verhängte. Erst am 9. August berichteten andere Häftlinge von dem Vorfall. Nach einer Behandlung im AKH wurde der 14-Jährige - inzwischen waren auch seine Eltern in Wien ausgeforscht - auf freien Fuß gesetzt.

Ermittlungen gegen die minderjährigen Beschuldigten laufen. Dem mutmaßlichen Opfer soll wegen des Landesdiebstahls bereits kommende Woche der Prozess gemacht werden. (bri, simo/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2003)

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