Ein Herz(l) für die Operette

15. Jänner 2004, 09:14
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"Die Fledermaus" zum Auftakt von Rudolf Bergers Volksoperndirektion

Wien - Jeder Anfang ist ein Signal. So lässt eine - schon ziemlich betagte, aber trotzdem flotte - Fledermaus zum Start schließen, dass der neue Direktor sein Herz bei der Operette hat. Und zum Glück auch seinen Herzl (Robert).

Letzterer hat dieses in den 15 Jahren, die seit der Premiere vergangen sind, szenisch schon bemitleidenswert mumifizierte Operettentier zu erstaunlicher Lebendigkeit reanimiert. Auf jeglichen Aktualisierungskrampf verzichtend, hat er getan, was an einer Operette heute einzig sinnvoll zu tun ist: Er hat die Patina, die auf diesem Genre nun einmal liegt, nicht abgekratzt, sondern nur abgestaubt.

Und Bertrand de Billy am Pult hat ihn dabei bestens unterstützt. Durch leicht angezogene Tempi und straffem Sound des mit großer Akkuratesse aufspielenden Orchesters hat er Johann Strauß diskret (und im Fall der Fledermaus durchaus legitim) in die Nähe von Jacques Offenbach gerückt und so der verstaubten Gefälligkeit der Bühnenbilder von Pantelis Dessylas wirksam entgegengearbeitet.

Dieser musikalische und inszenatorische Drive ließ die unterschiedliche Stimmbrillanz des animiert agierenden Ensembles und auch den unüberhörbaren Spannungsabfall im zweiten Akt zumindest zeitweise vergessen.

Zweifellos wäre Alexandra Reinprecht, die als in Statur und Stimme überqualifizierte Adele dominierte, die stimmigere Rosalinde gewesen als Edith Lienbacher. Und mit dem darstellerischen und musikalischen Charme Josef Luftensteiners als Gefängnisdirektor Frank konnte gerade noch Morten Frank Larsens Eisenstein mithalten. Nicht aber Heidi Brunner als Orlowsky. Und schon gar nicht Stephen Chaundys Alfred und Klaus Kuttlers Falke.

Keiner von allen Genannten freilich konnte mit Helmuth Lohners Frosch mithalten. Sein von Beifall begleiteter Auftritt war ein instruktives Exempel dafür, dass es so etwas wie österreichisches Theater tatsächlich noch gibt. Und wie vital und von welchem Esprit dieses sein kann.

Unter Verzicht auf jegliche Selbstdarstellung machte er den dritten Akt schwankend, seine Extempores murrend und krakeelend zu einem einzigen, vor Pointen sprühenden Lachkabinett.

Wer immer ihm diese anhaltend funkelnde Theaterprosa auf den schlanken Leib schrieb und in den Mund legte, hat vieles, was an zeitkritischen Bühnentexten gepriesen wird, an die Wand geschrieben und würde einen Dramatikerpreis verdienen.

Das von zahlreichen Insidern der Wiener Musikszene durchsetzte Publikum füllte den Zuschauerraum zwar nicht zur Gänze, wusste aber das glänzende Finale eines stimmigen Direktionsstarts gebührend zu würdigen. (DER STANDARD; Printausgabe, 05.09.2003)

Von Peter Vujica
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