"Tickende Zeitbombe" Neuzuwanderer

2. Oktober 2006, 17:28
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Österreichischer Biologe: Kaum jemand weiß wirklich über Ausbreitung von Reblaus, Kartoffelkäfer, Zebramuschel Bescheid

Wien - Reblaus, Kartoffelkäfer, Zebramuschel, Kastanienminiermotte - die Liste der erst in den vergangenen Jahrhunderten oder Jahren nach Österreich eingewanderten Organismen wird immer länger. Für den freischaffenden Biologen und Gelsen-Experten Bernhard Seidel ist die Sache eine tickende Zeitbombe, zumal über die Ausbreitung vieler Neuzuwanderer kaum jemand wirklich Bescheid weiß, so der Forscher.

Relativ gut dokumentiert sind jene eingewanderten Tiere und Pflanzen, die eine Bedeutung für Land- und Forstwirtschaft - etwa als so genannte Schädlinge - haben. Aber darüber hinaus gebe es kaum mehr Mittel für Freilandarbeiten, bei denen das Auftreten verschiedener Tiere und Pflanzen erhoben wird. Und die pragmatisierten Wissenschafter hätten in ihren Labors genug zu tun, als dass sie irgendwo unterwegs wären, um etwa Gelsen-Larven zu fangen, bemängelte Seidel.

Tigermücke auch in Österreich?

So kann der Forscher auch nicht beantworten, ob die mittlerweile in der Schweiz beobachtete Tigermücke - eine ursprünglich in Asien beheimatete Gelsenart - auch Österreich schon erreicht hat. Experten der Schweizer "Arbeitsgruppe Mücken" haben gemeldet, dass die Mücke über Italien in die Schweiz vorgedrungen ist. Entlang der Straßen im Südtessin seien Brutstätten gefunden worden. Die Wissenschafter nehmen an, dass die Tiere über Fahrzeuge verschleppt werden.

Die Tigermücke - Aedes albopictus - ist nicht irgendeine Gelse. In ihrer Heimat Asien ist sie Überträgerin des gefährlichen Dengue-Fiebers, gegen das es keine wirksame Impfung gibt. In Europa hat es bisher aber keine Probleme mit dem Fieber gegeben, auch nicht in jenen Gegenden, in denen die Tigermücke bereits aufgetreten ist. In der Poebene (Italien) wurde die Mücke schon vor Jahren gesichtet, auch in Albanien, Belgien, Frankreich und den USA wird die Bevölkerung von den relativ schmerzhaften Stichen der Quälgeister geplagt.

Erkennungsmerkmal

"Wenn Aedes albopictus sich in der Schweiz so weit wohl fühlt, dass sie brütet, gibt es eigentlich keinen Grund, warum die Mücke nicht auch nach Österreich kommen sollte", so Seidel. Vielleicht habe sie sich aber auch schon breit gemacht, ohne dass es jemand bemerkt habe. Relativ leicht zu erkennen ist die typische Gelse an ihrem gestreiften Hinterleib.

Donautal als beliebte Pforte

Es sei zu befürchten, dass sich die Situation mit tierischen und pflanzlichen Neuzuwandern durch den Klimawandel in den kommenden Jahren eher noch verschärfen werden, sagte Seidel. Dabei sei vor allem das Donautal eine beliebte Pforte, gegen Süden sei Österreich durch die Alpen besser abgeschottet.

Auch im Falle des Usutu-Virus, das seit einigen Jahren die Amseln im Raum Wien und Niederösterreich arg dezimiert, vermutet Seidel, dass sich der Erreger über die Donau eingeschlichen hat. "Ich bin sicher, dass sich das Virus mittlerweile weiter verbreitet hat, als man allgemein annimmt", so der Biologe. Aber auch hier gebe es keine Forschungen, welche etwa die Virus übertragenden Stechmücken untersuchen. Auf der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW) würden lediglich die gefundenen, toten Amseln analysiert. (APA)

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