Alltagsterror

14. September 2003, 19:35
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Die Mischung aus Paranoia, Fanatismus und extremistischer politischer oder religiöser Doktrin findet immer neue Ventile - eine Kolumne von Paul Lendvai

In den letzten Tagen gab es zwei so genannte gute Nachrichten: Libyen ist bereit, für die Opfer des Anschlags auf ein französisches Flugzeug vor 14 Jahren und für einen Terroranschlag in einer Berliner Discothek Entschädigung zu zahlen. Die 1992 verhängten Sanktionen des UN-Sicherheitsrates gegen das Gaddafi-Regime sollen aufgehoben werden. Wenn auch laut einer Erklärung der Gaddafi-Stiftung die Entschädigung keine Schuldanerkennung bedeute, so handelt es sich doch um einen symbolischen Abschluss eines Kapitels des staatlich geförderten internationalen Terrorismus.

Anders liegen die Dinge bei der zweiten "guten Nachricht". Hier geht es um die Verhaftung des früheren iranischen Botschafters in Buenos Aires durch die britischen Behörden: Dem 47-jährigen Exdiplomaten wird vorgeworfen, die Botschaft Irans als Basis für die Vorbereitung eines Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum 1994 in Buenos Aires zur Verfügung gestellt zu haben. Für die argentinische Justiz, die seine Auslieferung verlangt, gilt der Mann, zusammen mit 20 anderen Verdächtigen als Mittäter. Bei dem Anschlag waren 85 Personen ums Leben gekommen. Zwei Jahre davor wurde die israelische Botschaft in Buenos Aires in die Luft gesprengt. Die Behörden hatten auf Anweisung des früheren Präsidenten Menem die Ermittlungen verschleppt, ja eingestellt. Ein argentinischer Richter erließ nun Haftbefehle auch gegen andere iranische Funktionäre, wie etwa den seinerzeitigen Geheimdienst- bzw. Erziehungsminister.

Teheran ist empört: Der Exbotschafter, der sich mit einem "Studentenvisum" in Großbritannien aufhielt, sei "einer politisch motivierten, von den Zionisten eingefädelten Verschwörung zum Opfer gefallen".

In der Berichterstattung werden die Fälle Libyen und Iran freilich von den Folgen der jüngsten Terroranschläge gegen den Schiiten-Führer Mohammed Bakir al-Hakim, gegen das UNO-Hauptquartier in Bagdad und den Selbstmordanschlag auf einen vollbesetzten Bus in Jerusalem überschattet.

Ein Blick auf den Charakter und die Ziele der Attentate in Bagdad und in Jakarta, in Tunesien und Marokko, auf den Philippinen und in Tschetschenien zeigt, dass der internationale Terrorismus nicht mit den "Cowboy-Sprüchen" von Präsident Bush oder durch ein banales Schwarz-Weiß-Denkmuster über die amerikanische "Arroganz" oder die Kriegstreiberei Sharons zu erklären ist. Die Mischung aus Paranoia, Fanatismus und extremistischer politischer oder religiöser Doktrin findet immer neue Ventile. Traditionelle politische Kategorien des Westens, etwa für Osama Bin Laden und seine Terrornetzwerke, sind nicht anwendbar.

Der sozialdemokratische, amerikanische Kulturkritiker Paul Berman definiert in seinem anregenden Buch "Terror und Liberalismus" den islamistischem Terror als eine moderne totalitäre Bewegung - gekennzeichnet "von derselben tiefen Mythologie, derselben paranoiden Weltsicht und demselben verrückten Utopismus mit Sciencefiction-Vision und Sprung zurück ins Mittelalter - Antisemitismus mit eingeschlossen, der allen diesen Bewegungen eigen war, auch dem spätstalinistischen Kommunismus".

Der israelische Schriftsteller Amos Oz warnt übrigens, dass "eine ähnliche Melange aus Paranoia und aggressivem Chauvinismus das jüdische Israel von innen heraus" bedrohe. Der Feind ist überall die offene Gesellschaft und die internationale Staatengemeinschaft. Der Terrorismus kann nicht einfach durch Gewalt beseitigt werden. Man muss auf die neue Form der Bedrohung neue Antworten durch Unterstützung der gemäßigten Kräfte und Förderung der Modernisierung finden. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.9.2003)

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