Dort droben, wo die Drachen wohnen

9. September 2003, 14:27
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"Nach oben": Fergus Fleming und seine beispielhafte Ideengeschichte des Alpinismus

Wien - "Kobolde und Teufel sind seit langem aus den Alpen verschwunden, und seit ein gut dokumentierter Bericht über die Entdeckung eines Drachens vorgelegt wurde, sind so viele Jahre vergangen, dass man auch die Auswanderung dieser Tiere voraussetzen darf."

Spätestens als Henry Gotch 1877 dem Londoner Alpine Club die neuesten Erkenntnisse über die Erforschung der Alpen zukommen ließ, begann das Goldene Zeitalter des Alpinismus an Strahlkraft zu verlieren. Die Drachen, die man jahrhundertelang auf den Gipfeln des unerforschten Hochgebirges vermutet hatte, waren längst Horden von Abenteuerurlaubern gewichen. Diese ergötzten sich in ersten touristischen Hochburgen wie Chamonix unterhalb des Montblanc oder Zermatt beim Matterhorn am Panaroma und mit wohligem Schaudern vielfach auch an den "primitiven", aber geldgierigen Ureinwohnern.

Im besten Fall konnte man sich aber vor Ort auch an Tragödien hoch droben in Gipfelnähe delektieren. Todesmutige Bergsteiger hatten aus dem einstigen Forschungsdrang auf der Suche nach Drachen oder Selbstversuchen, wie lange es der Mensch in unvorstellbarer Höhe von 3000 Metern aushält, längst einen tödlichen Sport gemacht. Immerhin begann alles 1760 damit, dass ein Preisgeld auf die Erstbesteigung des Montblanc ausgesetzt wurde.

All das beschreibt der britische Autor Fergus Fleming in Nach oben. Die ersten Eroberungen der Alpengifel (im Originaltitel: Killing Dragons). Fleming unternimmt in dieser jetzt als Taschenbuch bei Piper veröffentlichten Entdeckerbiografie dabei nicht nur eine beispielhafte Reise in die Tiefen der Geschichte.

Der 1959 geborene Fleming, Oxford-Absolvent, stellt auch einen neuen Typus von Sachbuchautor dar. Fleming sammelt Unmengen von trockenen Daten. Anstatt dann allerdings lähmend über Hunderte Seiten Fakten zu hubern, verwendet er seine Forschungsergebnisse nur als Basislager - um von dort aus ins Gebirge vorzudringen.

Ohne in die Falle platter populärwissenschaftlicher Sensationsgier zu tappen (das Guido-Knopp-Syndrom), liefert Fleming hier mit literarischen Mitteln einen unterhaltsamen Gipfelsturm, der zusätzlich zu den wenigen Triumphen und vielen Tragödien im frühen Alpinismus auch gleich noch eine von schwarzem Humor getragene Ideengeschichte des Bergsteigens mitliefert. Fleming skizziert wie auch schon in seinen zwei anderen Büchern ein Sittenbild des im 18. und 19. Jahrhundert wegen seiner Weltmachtstellung dominierenden britischen Entdeckerwahns.

Höhenangst

Schon in Barrow's Boys. Eine unglaubliche Geschichte von wahrem Heldenmut und bravourösem Scheitern (Mare, 2002) und Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol (Rogner & Bernhard, 2003) sezierte Fleming den Sturm auf Nord- und Südpol und auf der Suche nach den Quellen des Nil und Niger die irrwitzigen Expeditionen ins Herz von Afrika vor allem auch als Chronik allzu menschlicher Katastrophen.

Die liegen oft in maßlosem Ehrgeiz und Eitelkeit begründet, in Charakterschwäche oder Größenwahn. Das führte bei diversen Arktisexpeditionen nicht nur dazu, dass Männer ihre Schuhe oder sich gegenseitig aufaßen - oder dass der Expeditionsleiter umgebracht wurde, weil man endlich nach Hause wollte.

Wie Fleming jetzt in Nach oben aufzeigt, ist die Geschichte der Entdeckungen und Gipfelstürme auch eine der guten alten sinistren Zweikämpfe: Im 18. Jahrhundert am Montblanc etwa der Kampf zwischen dem Gelehrten Horace Benedict de Saussure und dem schwärmerischen Windbeutel Marc-Theodore Bouritt, einem Hochalpinisten mit akuter Höhenangst. Er bestieg nur ungern Berge und wenn, dann ließ er sich hinauftragen.

Dass mit dem ersten Extrembergsteiger, mit Edward Whymper, seinem lebenslangen Kampf gegen den irischen Wissenschafter John Tyndall und der Tragödie am Matterhorn 1865 eine Entwicklung eingeleitet wurde, die weg von den romantisch verklärten Gipfeln hin zur brutalen Eroberung über das technisch Machbare ging, führt schließlich 1938 in die Eiger-Nordwand zu Heinrich Harrer. Spätestens hier hatte das Bergsteigen seine (politische) Unschuld verloren. Vom Deutschen Alpenverein also ein anderes Mal. (DER STANDARD; Printausgabe, 04.09.2003)

Christian Schachinger
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    piper
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