Ex-Jugendgerichtspräsident: Permanente Gewalt in Justizanstalt Josefstadt

11. September 2003, 21:07
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Udo Jesionek: Der Fall des von Mithäftlingen vergewaltigten 14-Jährigen kein einmaliges Ereignis

Wien - "Mir haben Justizwachebeamte gesagt: Es gibt in der Justizanstalt Wien-Josefstadt permanent Vergewaltigungen und Raufereien." Das erklärte der frühere Präsident des mittlerweile aufgelassenen Jugendgerichtshofs, Udo Jesionek, am Mittwoch. Der Fall des von Mithäftlingen vergewaltigten 14-jährigen Rumänen sei also kein einmaliges Ereignis. Man brauche sich nicht zu wundern, dass sich so etwas ereigne, wenn Jugendliche unbeaufsichtigt in Vier- bis Sechs-Personen-Zellen zusammengesteckt würden, den ganzen Tag nicht beschäftigt würden und bei der sommerlichen Hitze täglich 22 Stunden im Haftraum verbringen müssten, erklärte Jesionek. "Da stauen sich eben Aggressionen auf, und die Softies, die schwachen Glieder der Kette, bleiben dabei auf der Strecke", so der nunmehrige Präsident der Opferhilfsorganisation "Weißer Ring".

Kritik an der Sparpolitik

In der aufgelassenen Jugendstrafanstalt seien "aus genau diesem Grund" maximal zwei Häftlinge über Nacht unbeaufsichtigt in einer Zelle gewesen, sagte Jesionek. In den Werkstätten oder in der Schule seien immer Beamte dabei gewesen, wenn mehrere der Inhaftierten zusammenkamen. "Ich war 21 Jahre Präsident des Jugendgerichtshofs. In meiner Zeit ist dort so etwas meines Wissens nie passiert", sagte er. Nicht zuletzt, weil er solche Fälle befürchtet hat, habe er sich so gegen die Auflösung des Jugendgerichtshofs gewehrt.

Kritik übte er auch an der Sparpolitik. "Wir haben Jahre lang ein Anti-Aggressionstraining am Jugendgerichtshof betrieben, das sehr gut gelaufen ist. Das ist aus Spargründen abgedreht worden, um Beamte einzusparen", so Jesionek. Nicht zuletzt stellte es der Ex-Präsident des Jugendgerichtshofs in Frage, dass der 14-Jährige überhaupt in Untersuchungshaft genommen wurde. In diesem Zusammenhang plädierte er für eine Einschränkung der Gewerbsmäßigkeit im Strafgesetzbuch auf schwere Fälle. (APA)

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    Der ehemalige Präsident des Jugendgerichtshofes, Udo Jesionek, im Jahr 2002 im Innenhof des Gebäudes.

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