24 Stunden Fernsehparanoia

9. September 2003, 14:20
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Ab Dienstag zeigt der ORF "24" mit Kiefer Sutherland - Und "24" macht süchtig, aus ganz altmodischen Gründen ... - Mit Ansichtssache

Ab Dienstag zeigt der ORF "24" mit Kiefer Sutherland. Das innovative Detail der Echtzeitserie geht aufgrund des Werbeverbotes freilich verloren. Was letztlich aber von geringer Bedeutung ist: "24" macht süchtig und zwar aus ganz altmodischen Gründen.

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Es beginnt punkt Mitternacht beim Schachspiel im trauten Schoß der Familie: Die halbwüchsige Tochter besiegt den Vater, er schickt sie mit liebevollen Worten ins Bett. Eine Szene wie aus dem "richtigen" Leben. Wenige Minuten später ist alles anders: Der amerikanische Präsidentschaftskandidat ist in Lebensgefahr, die ihn schützende Antiterroreinheit von korrupten Beamten unterwandert, die Tochter durchs Fenster entflohen. Eine Stunde im Leben des amerikanischen Antiterroragenten Jack Bauer (Kiefer Sutherland).

Ab heute, Dienstag, läuft im ORF (20.15 Uhr) die US-Serie 24, von der "Times" und "Spiegel" gleichermaßen behaupten, sie mache "schlicht süchtig".

Echtzeitformat

Um den Inhalt der Geschichte geht es zumindest offiziell erst in zweiter Linie. Das besondere der Serie ist das Echtzeitformat. Jede Folge behandelt eine Stunde desselben Tages in Jack Bauers Leben, es gibt somit von null bis 24 Uhr 24 Fortsetzungen.

"Alles, was Sie sehen, geschieht in Echtzeit", heißt es vorneweg - und doch gehen im alten Europa die Uhren um einiges schneller als in den Vereinigten Staaten. Weil der ORF die von den Produzenten vorgegebenen Werbeunterbrechungen nicht nützen darf, verkürzen sich 60 Minuten von Bauers Zeit auf knappe 45. Der US-Sender Fox hatte bis zu fünf Blöcke, die Zeit lief mit. Deutschlands RTL 2, mit maximal zwölf Werbeminuten pro Stunde beschränkt, kommt auf 50 Minuten. Der ORF zeigt immer zwei Folgen hintereinander, ab Stunde drei jeweils Montag, Mittwoch und Freitag.

Lückenloses Schauen

In den USA wurde 24 zum Kritiker- und Publikumserfolg. Kiefer Sutherland bekam für die Hauptrolle zweimal den Golden Globe. Die Produzenten Ron Howard und Brian Grazer (A Beautiful Mind) wurden zweimal mit dem wichtigsten US-Fernsehpreis, dem Emmy Award, prämiert. Am 28. Oktober beginnt auf Fox bereits die dritte Staffel.

Der Erfolg kommt wenig überraschend. Die Serie simuliert das "wirkliche Leben" und stellt damit die perfekte Verquickung von Reality-TV und Fiktion dar. Bedient wird so die Sehnsucht der Zuschauer nach lückenloser Beobachtung und nach Geschichten, so spannend, wie sie das Leben nie schreibt.

Nichts soll dem Zuschauer entgehen ...

Ebenso intim wie zeitgemäß ist der Blick ins Innere einer terroristischen Einheit: Wie funktionieren Attentäter? Sind sie blutrünstige Bestien, perfektionistische, eiskalte Technokraten oder einfach nur hirnlose Brutalos? Nichts soll dem Zuschauer entgehen. Darum geht es in 24.

Die Serie spielt mit dem Schrecken vom 11. September 2001 - die landesweite Paranoia wird zur Fernsehunterhaltung. Und noch ein weiteres Detail wird angesprochen: David Palmer, der Präsidentschaftskandidat, der ermordet werden soll, ist schwarz. Was wäre, wenn die USA tatsächlich von einem Schwarzen regiert würden?

Geteilte Bildschirme

Letztlich scheinen freilich genau die stets hervorgehobenen innovativen Details insgesamt betrachtet überbewertet. Geteilte Bildschirme kommen zum Einsatz, aber um den Zuschauer nicht zu überfordern, reduziert sich die Handlung zumeist auf einen Ausschnitt. Die Uhr wird ab und zu eingeblendet, der Großteil des Geschehens spielt sich jedoch in dramaturgisch herkömmlichen Bahnen ab.

Aus ganz altmodischen Gründen ist 24 nämlich so gut, wie es ist: eine spannende Geschichte, die den Zuschauer durch Widersprüche, Wendungen und Paradoxien immer wieder auf die falsche Fährte führt. Betrug, Verrat, Liebe, Eifersucht: Themen einer klassischen Tragödie.

Wer zweimal wegschaut, macht sich schuldig

Die Aktivität des Helden führt die Katastrophe herbei: Nur einmal im Leben sich einen Fehler zu leisten - schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf. "Du hast einmal weggesehen, und es ist nicht weiter schlimm", klagt Bauer an einer Stelle an und definiert, was Gnadenlosigkeit bedeutet: Wer zweimal wegschaut, macht sich schuldig.

Also wird der Gnadenlose zum Einzelkämpfer. Bauer hat seine Familie zerstört, indem er sie erst im Stich ließ und dann wieder zurückkehrte. Seine Frau wird ihn dafür betrügen. Die Tochter verzeiht ihm, erklärt ihn aber vor (vermeintlichen) Freunden für tot. An seinem Arbeitsplatz misstraut jeder jedem, weil Bauer bestechliche Kollegen an die Behörde auslieferte. Sein einziger Vertrauensmann kommt beim ersten Schusswechsel ums Leben.

Für ein schwammiges Happyend sind die Umstände zu ungünstig. Um Schicksalsschläge wie diese zu verkraften, bräuchte es Zeit. Und die hat Agent Jack Bauer ganz bestimmt am allerwenigsten. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 2.9.2003)

  • Kiefer Sutherland alias Jack Bauer
    foto: orf

    Kiefer Sutherland alias Jack Bauer

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