"Starke Tendenz zur 'Sakralisierung' der Person"

5. Oktober 2003, 19:36
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Leiter des Instituts für Sozialforschung warnt vor "dogmatischem Wiederkäuen" Adornos Werkes

Frankfurt/Main - Das Wühlen im Leben Adornos ist für seinen Nachfolger am Frankfurter Institut für Sozialforschung Ausdruck einer Kapitulation vor dem schwierigem Erbe des Philosophen. Hinter einem großen Werk die Konturen einer Person erkennen zu wollen, sei zwar durchaus legitim, sagte Axel Honneth. "Die Gefahr ist aber, dass wir uns der eigentlich schwierigen Arbeit nicht mehr stellen: zu unterscheiden, was nicht mehr ohne weiteres auf die Gegenwart übertragen werden kann - und Einsichten, die bis heute höchste Aktualität besitzen."

"Die vielen Biographien sind Ausdruck dafür, dass wir uns vielleicht mit seinem Werk sehr schwer tun und uns stattdessen lieber in sein Leben versenken", sagte Honneth, der das Institut seit 2001 leitet. Damit weiche man der Frage aus, "was nun aktualisierungsfähig ist an seinem Werk". Vom Adorno-Jahr erhofft sich Honneth "einen neuen, undogmatischen Zugang" zum Denken seines Vorgängers, der das Institut von 1950 bis zu seinem Tod 1969 leitete. Leider sehe er eine starke Tendenz zur "Sakralisierung" der Person und zum "dogmatischen Wiederkäuen" seines Werkes.

Präsente Arbeitsweise

Für die heutige Arbeit des Instituts habe Adorno "nur eine sehr indirekte" Bedeutung, sagte Honneth. Präsent sei er vor allem in seiner Arbeitsweise: "Seine interdisziplinären Perspektive ist sicher immer noch methodisch ein Vorbild für das Institut." Inhaltlich sei das Institut aber dabei, "einen neuen Weg einzuschlagen". Honneth möchte das Haus "herausführen aus der zu engen Bindung an die Industrie-Soziologie und es wieder öffnen für die Breite sozialer Strukturen."

Honneth war als junger Student "stark beeindruckt und beeinflusst" von Adorno, obwohl er ihn nicht mehr persönlich erlebte. Ihn reizte vor allem "die negativistische Radikalität" seines Denkens. In letzter Konsequenz habe Adorno aber "in die Praxislosigkeit" geführt. Das habe ihn später "skeptisch und kritisch" gemacht. Heute befindet sich Honneth "in einer dritten Phase der Annäherung: Ich sehe, dass gerade in den peripheren Teilen seines Werkes vieles an Einsichten schlummert, das von allerhöchster Aktualität ist."

Moralphilosoph Adorno

Dazu zählt für ihn vor allem die Ästhetik. "Das ist eine der maßgeblichen ästhetischen Theorien des 20. Jahrhunderts und wahrscheinlich eine der interessantesten Erklärungen avantgardistischer Kunst." Jenseits dessen gab es für Honneth wenig, das in den letzten 20 Jahren in die gegenwärtige Forschung eingeflossen wäre. Neu entdeckt wird Honneth zufolge gerade der Moralphilosoph Adorno. Sein Moralbegriff habe keine "Generalklausel", sondern reagiere darauf, dass Menschen vielen widersprüchlichen Verhaltensanforderungen gerecht werden müssten. (APA/dpa)

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