"Ein letztes Genie"

5. Oktober 2003, 19:36
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Detlev Claussen will in neuer Biografie Adornos "Texte zum Sprechen bringen"

Frankfurt/Main - Das Denken Adornos und der intellektuellen Protagonisten in seinem Umkreis steht im Zentrum der von Detlev Claussen vorgelegten Biografie - einer von mindestens neun Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag des Frankfurter Sozialphilosophen. Claussen hat Adorno noch selbst als Lehrenden erlebt und will nun "seine Texte zum Sprechen bringen, nicht Adornos Werk aus biografischen Details erklären".

Tatsächlich bewegt sich der Autor in einer ähnlichen Sprachwelt wie der von ihm porträtierte Jubilar. Er benutzt dessen Begriffe wie den der Kulturindustrie oder den der Verdinglichung. Und er fügt immer wieder Zitate so in den eigenen Text ein, dass sich ein stimmiges Ganzes ergibt - kenntlich gemacht nur am Kursivdruck für die Worte Adornos. Dies hat für den Leser die Wirkung, dass er manchmal kaum erkennt, mit wessen Gedanken er es nun zu tun hat.

Der in Hannover lehrende Soziologe verwendet denn auch das methodische Handwerkszeug Adornos: Er betrachtet dessen Werk als authentische Kunst, die aus sich heraus erfahren werden will und dann auch Aufschluss gibt über gesellschaftliche Zusammenhänge.

Werdegang

Die konzentrierte Darstellung lässt den Leser Anteil nehmen am Werdegang Adornos: Wie er als Jugendlicher zusammen mit dem älteren Freund Siegfried Kracauer Kant liest, sich im Wiener Spannungsfeld um die Komponisten Schönberg, Berg und Eisler seinen eigenen Platz sucht, sich schlecht und recht durchs amerikanische Exil schlägt, "wie eine intellektuelle Sternschnuppe" in die westdeutsche Öffentlichkeit einfällt oder zuletzt mit Herbert Marcuse über das richtige Verständnis der Studentenbewegung streitet.

Ob Adorno wirklich als "letztes Genie" verstanden werden kann, wie es Claussen ganz am Anfang seines Buchs wider die Kritik Adornos an diesem Begriff postuliert, bleibt letztlich unbeantwortet. Aber die Darstellung Claussens ermuntert dazu, sich selbst der Lektüre Adornos und der anderen intellektuellen Köpfe des vergangenen Jahrhunderts zuzuwenden. (APA/AP)

Detlev Claussen: "Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie", Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2003. 480 Seiten. 27,70 Euro
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    Das Archivbild vom 28.05.1968 zeigt (v.l.) den Schriftsteller Heinrich Böll, den Soziologie-Professor und Philosophen Theodor W. Adorno und Verleger Siegfried Unseld.

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