Kopf des Tages: Kelly White

30. August 2003, 17:51
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Wozu die USA die Deutschen brauchen

Manchmal überlappen einander die Legenden von der entgrenzenden Wirkung des Sports und das Leben. Als vor Jahren der österreichische LA-Manager Robert Wagner von einem alten Haberer, Remi Korchemny, auf eine kleine amerikanische Sprinterin aufmerksam gemacht wurde, vertraute Wagner einfach. Er drückte Kelli White im Windschatten des großen Hürdenweltmeisters (1993) Colin Jackson in kleine und größere Meetings. White nahm an Erfahrung und Stil und Speed zu. Der ukrainische Ingenieur Korchemny (inzwischen 71), hatte den Russen Waleri Borsow zum doppelten Olympiasieg (100 m, 200 m) 1972 in München geführt. Korchemny musste ein Gefühl für außergewöhnliche Talente haben.

Dazu kam, wie Wagner wusste, dass Whites Mutter, die Jamaikanerin Debbie Byfield, in München 1972 als Sprinterin teilnahm. Whites Vater wurde 1960 bei den US-Trials Sechster über 100 m. 1994 lief Kelli die schnellste 200-m-Zeit auf Highschool-Ebene (23,80), kurze Zeit später zerschnitt ihr eine Süchtige mit dem Messer das Gesicht, sie verlor fast das linke Auge. Bis heute zeugt eine große Narbe (300 Stiche) davon. "Das passiert. Du kommst drüber hinweg." Mit diesem Mantra geht White durchs Leben.

White (26) gewann nach den 100 m Donnerstagnacht auch die 200 m der LA-WM. Dieses Double schafften bisher nur zwei Ostdeutsche, Silke Gladisch 1987 und Katrin Krabbe 1991. Die mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin Marion Jones (USA) ist (noch) in der Babypause, White war eine unwahrscheinliche Nachfolgekandidatin. "Manche Dinge ändern sich schnell", sagte sie, "ich betrachte Marion als Mentor, nicht als Konkurrentin, die ich besiegen möchte."

Korchemny kennt White seit mehr als zehn Jahren, als sie im NCAA-Zirkus, der Highschool-Rekrutiermaschine des US-Sports, in der University of Tennessee sprintete und studierte. Korchemny übernahm 2000 Whites direktes Coaching, mithilfe der Computer zerlegte der superanalytische Tüftler Whites Stil in seine Einzelteile und setzte ihn wieder zusammen.

Wagner bugsierte White in die Eliteklasse der Golden League Meetings, noch bevor sie im Juni US-Meisterin wurde. Sie verlor das erste Rennen in Oslo und zog sich zurück nach Deutschland, wo sie sich in Ruhe auf die WM vorbereitete. In komfortabler Nähe ihres Freundes, des deutschen Speerwerfers Boris Henry, der am Sonntag Gold holen will. Dann hat White mit der 4x100-m-Staffel womöglich schon ihre dritte Goldene.

Der Jackpot der Amerikanerin freilich ist der deutsche Hüne. Der Marktwert der Leichtathletik in den USA geht gegen null. Für die deutsch-amerikanische Affäre freilich hat Wagner schon jede Menge Anfragen von deutschen TV-Sendern. (Johann Skocek, DER STANDARD PRINTAUSGABE 30./31.8. 2003)

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