Spielfeld für Selbstdarsteller

31. August 2003, 23:46
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Tsai Ming-liang ist mit "Goodbye Dragon Inn" ein erster Höhepunkt im Wettbewerb um den Goldenen Löwen geglückt

Eine melancholische Hommage ans Kino bei den 60. Filmfestspielen in Venedig.


Festivalalltag: Man sitzt mit vielen anderen in enge Sitzreihen gezwängt, ist Teil eines Publikums, und macht als solcher Bekanntschaft mit kulturellen Eigenheiten: So pflegt etwa die eine Hälfte der Besucher hier ein inniges Verhältnis zu ihrem Mobiltelefon, das sie durch konsequenten Gebrauch während der Vorführung unterstreicht. Die andere Hälfte wiederum schickt bei jedem Läuten verlässlich ein heftiges "Basta!" ins Dunkel.

Manchmal wird einem die Erfahrung vom Kino als sozialem Raum auch über den Umweg des Geschehens auf der Leinwand ins Bewusstsein gebracht: zum Beispiel, wenn dort ebenfalls Menschen in einem Kinosaal sitzen und einer plötzlich aufschreckt, weil ein unsichtbarer Hintermann ganz ungeniert seine Füße über die Lehne und seitlich ins Gesichtsfeld des anderen schiebt. Oder jemand sich beharrlich durch geräuschvollen Verzehr von Proviant bemerkbar macht.

Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang - seit den 90er-Jahren mit seinen eigenwilligen, traurig-schönen Filmen auch Stammgast bei der Viennale - hat mit Goodbye Dragon Inn (Bu San), der in Venedig im Wettbewerb antritt, eine melancholische Liebeserklärung ans Kino gedreht: Schauplatz ist eines jener riesigen alten Einsaal-Lichtspieltheater, denen offenbar auch in Taipeh kein Fortbestand beschieden ist.

Film im Film

Nur knapp ein Dutzend Personen sitzt in Tsais Film im Zuschauerraum verstreut, um sich Dragon Inn, die Wiederaufführung eines chinesischen Martial-Arts-Klassikers von King Hu aus den späten 60er-Jahren anzuschauen.

Sieht man von den Dialogen ab, die zum Film im Film gehören - und deren Inhalt immer wieder dezent das Geschehen im Saal reflektiert -, so werden in Goodbye Dragon Inn nicht mehr als zehn Sätze gewechselt. Der erste fällt nach rund vierzig Minuten. Da ist der Film schon zur Hälfte vorbei. Und der Vielklang der Geräusche und Töne, die das Geschehen bis dahin begleitet hat, hat das Fehlen von Sprache gar nicht auffallen lassen.

Darüber hinaus entwickelt der Regisseur in Auseinandersetzung mit dem Schauplatz und den dort möglichen Aktivitäten von Personal und Besuchern immer wieder visuelle Pointen, Slapstick und absurde Situationskomik.

Manche sind, so scheint es, nur hier, um die Zeit totzuschlagen, während draußen ein heftiger Dauerregen niederprasselt. Männer nutzen die Gänge und Toiletteanlagen als Cruising-Area. Einzig zwei ältere Herren haben ein sentimentales Motiv für ihren Kinobesuch: Sie gehören zu den Stars von King Hus Film und sehen sich noch einmal selber auf der Leinwand zu.

In Goodbye Dragon Inn mischen sich die gealterten Idole also unerkannt unters Publikum. Ihren Kollegen bleibt in Venedig der große abendliche Auftritt auf dem gesicherten Terrain vor dem Festivalpalais vorbehalten. Omar Sharif hat heuer einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten. Johnny Depp und Salma Hayek wurden inzwischen jubelnd empfangen und Anthony Hopkins ist ebenfalls bereits angereist.

Parallel zu solchen glamourösen Begleiterscheinungen des Festivals kommt auch der Wettbewerb in Gang. Eröffnet wurde er Donnerstagabend mit Jacques Doillons Raja. Der Film spielt am Rand von Marrakesch. Zunächst meint man, der Regisseur würde sich einmal mehr mit dem ihm eigenen Gespür für deren Sprache und Rituale auf jugendliche Protagonisten konzentrieren. Irgendwie abrupt und gekünstelt, nimmt die Erzählung dann aber eine andere Richtung: Ein älterer Franzose (Pascal Greggory) entwickelt eine obsessive Beziehung zu einer jungen einheimischen Frau (Najat Bessalem).

Tauschgeschäfte

Was spielerisch beginnt, wird recht schnell zu einer Abfolge von Tauschgeschäften und kleinen Intrigen. Auch wenn Doillon die (soziale und ökonomische) Überlegenheit seines Helden immer wieder bricht, bleibt am Ende doch der unangenehme Eindruck, dass hier sehr angestrengt ein Altherren-Standardmotiv variiert wird. Nur selten gewinnt der Film eine fast tänzerische Leichtigkeit.

Eine physische Konfrontation der beiden Hauptfiguren an einer staubigen Landstraße gerät dann zu einem kleinen Pas de deux, und das gehört zu den schönsten Szenen dieses Films. Andere werden folgen - auch morgen sitzen wir wieder im Kino. Basta! (DER STANDARD; Printausgabe, 30.08.2003)

Von
Isabella Reicher aus Venedig
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    homegreen films
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