Platz im Gedächtnis

8. September 2003, 19:03
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Ein philosophisches Wörterbuch von Konrad Paul Liessmann - Stichwort: Ruhm

Für den unsterblichen Ruhm ihres Heldenmutes und für ein ehrenvolles Andenken tun alle alles, umso mehr, je edler sie geartet sind. Denn sie lieben das Unsterbliche." Mit diesen Worten hat Platon in seinem denkwürdigen Symposion die philosophische Dimension des Ruhmes, wie ihn zumindest die Antike verstand, ausgeleuchtet.

Ruhm ist eine Form der Unsterblichkeit. In seiner durch Thukydides überlieferten und selbst berühmt gewordenen Grabrede auf die Gefallenen des Peloponnesischen Krieges hatte Perikles, die Macht der athenischen Demokratie beschwörend, die klassische Ruhmesformel geprägt: "Mitwelt und Nachwelt werden mit Bewunderung auf uns blicken." Wer den Ruhm sucht, will immer beides: die ungeteilte Aufmerksamkeit und Bewunderung durch die Zeitgenossen und einen unauslöschlichen Platz im Gedächtnis der nachfolgenden Generationen.

Die Antike wusste allerdings, dass der Ruhm ein Geschenk der Götter ist und nur dem gebührt, der sich durch besonders tapfere Taten oder kluge Ratschläge Verdienste für die Gemeinschaft erworben hat. Wer nur den eigenen Ruhm im Auge hat, gibt damit ein schlechtes Beispiel, verfällt der ungustiösen Ruhmsucht. Schon bei Aristoteles wird deshalb der Ruhm als Handlungsmotivation kritisch betrachtet, und der Lehrer Alexander des Großen empfahl dann auch, weniger nach Ruhm, als vielmehr nach Ehre zu streben.

Die wohl interessanteste Theorie des Ruhmes in der neueren Philosophie stammt von Günther Anders. Der moderne, illusionslose Mensch, zurückgeworfen auf die Kontingenz, auf die Zufälligkeit und Sinnlosigkeit seines Daseins, reagiert auf diesen Befund mit einem "Hunger nach Macht und Ruhm", und das bedeutet, er giert nach Omnipräsenz in Raum und Zeit, er will überall sein und überall bemerkt werden, er hält es nicht aus, irgendwo nicht zu sein und in seiner Existenz nicht bemerkt zu werden.

Die verzweifelten Versuche, ständig woanders sein zu müssen und alles auf Fotos festzuhalten, die im selben Moment noch um die Welt geschickt werden, könnten auch als die alltägliche, bieder gewordene Erscheinungsform dieser Ruhmsucht aufgefasst werden. In der modernen Medienwelt hat sich so eine neue Form des Ruhmes etabliert: der rasche, der flüchtige Ruhm. Dieser verheißt zwar keine Unsterblichkeit mehr, aber wenigstens für einen kurzen Moment den Besitz jener Währung, die nach Georg Franck zum Maß aller Dinge geworden ist: Aufmerksamkeit.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 8. 2003)

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