"Im AKH droht der Supergau"

29. August 2003, 19:25
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Herzspezialist Dietmar Glogar im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Folgen von Herzerkrankungen zählen zu den häufigsten Todesursachen in westlichen Industriestaaten. Hat dies die emotionelle Besetzung des Organs verändert, regiert die Angst vor dem Herztod?

Glogar: Das Thema Plötzlicher Herztod spielt heute auch für junge Menschen eine große Rolle. Das war lange Zeit anders, es herrschte die Meinung vor, Herzinfarkte würden nur Menschen über 70 betreffen. Heute wissen auch Jugendliche, dass Herzinfarkte mit 35 keine Seltenheit sind. Andererseits haben viele Patienten eine paranoide Angst vor Beschwerden in der linken Brusthälfte. Diese Patienten fürchten gleich das Schlimmste. Psychosomatische Herzerkrankungen sind im Vormarsch. Darauf hat die Medizin bislang nicht adäquat reagiert. Bei solchen Ängsten reichen Fünf-Minuten-Gespräche zwischen Arzt und Patient nicht, es bedarf einer intensiven Betreuung der Betroffenen.

STANDARD: Sie sprechen eine veränderte Wahrnehmung bei Jugendlichen an. Hat das bereits zu einem Rückgang der Herzerkrankungen geführt?

Glogar: In Europa herrscht, was koronare Herzerkrankungen betrifft, ein starkes Nord-Süd-Gefälle. In den mediterranen Ländern ist das Risiko, durch die gesündere Lebensweise am Herzen zu erkranken, niedriger. Doch seit einigen Jahren führt auch im Süden zunehmender Stress und ungesunde Ernährung zu einem Ansteigen von Herzinfarkten. In den skandinavischen Ländern dagegen erleben wir eine umgekehrte Entwicklung. Die Zahl der Herzerkrankungen geht durch Aufklärungsmaßnahmen zurück. Österreich liegt im Mittelfeld. Präventionsmaßnahmen greifen noch kaum, die Zahl der Patienten steigt weiter an.

STANDARD: Bedeutet das, dass vermehrte Aufklärungskampagnen ausreichen, um das Problem zu lösen?

Glogar: Angstkampagnen, die nur vor einem bestimmten Risikoverhalten warnen, wie etwa bei den Werbungen gegen Alkohol am Steuer, nützen wenig. Es bedarf einer Bewusstseinsveränderung, gefordert ist die Politik. Eine ungesunde Lebensweise schlägt sich in den Kosten für das Gesundheitssystem nieder. Diese Kosten tragen hauptsächlich die gesunden Menschen, die Kostenwahrheit muss also hergestellt werden. Eine Ungesunde Lebensweise sollte durch höhere Selbstbehalte bestraft werden. Bleibt jemand Untersuchungen fern, sollte der Staat dafür höhere Kassenbeiträge fordern. So könnten positive Lenkungseffekte erzeugt werden.

STANDARD: Ist die Tatsache, dass der Kardiologenkongress heuer in Wien stattfindet, auch eine Anerkennung des Forschungsstandorts Österreich?

Glogar: Im Moment sind wir auf dem besten Weg, den mühsam gewonnenen Anschluss an die europäische Spitze, was die wissenschaftliche Erforschung neuer Therapiemöglichkeiten betrifft, zu verlieren. Aufgrund der Budgetknappheit reagieren viele Krankenhausbetreiber hysterisch, teure Studien werden unterbunden, wodurch viele unserer privaten Forschungspartner ins Ausland abwandern. Im AKH wiederum droht ein Supergau bei der Patientenversorgung. Alte Geräte werden nicht ersetzt, was zu Qualitätsverlusten bei Behandlungen führen wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31. 8. 2003)

Der 54-jährige Dietmar Glogar ist Leiter der Interventionellen Kardiologie am Wiener AKH und Präsident der Österreichischen Kardiologen- Gesellschaft.

Das Gespräch führte András Szigetvari
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