"Wir müssen wissen, ob wir hier raus müssen"

31. August 2003, 10:24
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Lebendige Erinnerung an den Terror: Tonbandabschriften von Notrufen der Opfer des 11. Septembers veröffentlicht

New York - Kurz vor dem zweiten Jahrestag der Anschläge vom 11. September haben die Behörden 2.000 Seiten Protokolle mit erschütternden Notrufen von Opfern und Helfern aus dem World Trade Center veröffentlicht. "Wir haben eine Explosion in einem der oberen Stockwerke. Wir wissen nicht, ob es ein Flugzeug ist oder eine Bombe", rief etwa ein Polizeibeamter der zuständigen Hafenbehörde ins Telefon. Unter Angehörigen der Opfer wurde die Veröffentlichung unterschiedlich aufgenommen: Während sich einige Aufschluss über das Geschehen am 11. September erhofften, befürchteten andere, alte Wunden würden wieder aufgerissen. Bei den Anschlägen waren mehr als 3.000 Menschen gestorben.

Veröffentlichung ist Ergebnis eines Rechtsstreits

Die umstrittene Veröffentlichung am Donnerstag geht auf einen Rechtsstreit der "New York Times" mit der Hafenbehörde zurück, die als Eignerin der Zwillingstürme auch für deren Sicherheit zuständig war. Die Zeitung hatte in der vergangenen Woche vor einem Gericht mit ihrer Forderung nach Informationsfreiheit Recht bekommen, so dass die Hafenbehörde die Dokumente veröffentlichen musste.

Die Dokumente

Die Abschriften dokumentieren die Panik und die Ungewissheit unmittelbar nach dem Einschlag der Flugzeuge in die Zwillingstürme: "Es gibt so viele Verletzte, die Leute springen rechts und links aus den Fenstern", sagte ein Polizeibeamter bei einem Anruf aus dem WTC. Die Situation werde zusehends schlechter, berichtete die Managerin des an der Spitze des Nordturms im 107. Stock gelegenen Restaurants "Windows of the World" in einem Anruf bei der Sicherheitszentrale der Hafenbehörde. "Die Frischluft wird schnell weniger. Ich übertreibe nicht. Was sollen wir machen, um Luft zu bekommen? Können wir ein Fenster einschlagen?", fragte sie die Beamten.

Journalisten und Angehörige standen Schlange

In die lange Schlange von Journalisten, die am Donnerstag für die Protokolle bei der Hafenbehörde anstanden, mischten sich auch Menschen, die bei den Anschlägen ihre Angehörigen verloren hatten. "Ich weiß immer noch nicht, wie an dem Tag alles abgelaufen ist", sagte Sally Regenhard, die ihren Sohn verlor. Sie hoffe, dass die Protokolle "mir helfen herauszufinden, was ihm und so vielen anderen passiert ist". Nikki Stern, deren Ehemann bei dem Anschlag ums Leben kam, äußerte sich skeptisch. "Es wird sicherlich eine Menge alter Wunden aufreißen und ich bin nicht sicher, ob es uns auch viel neue Informationen bringen wird", sagte Stern, die die Organisation  "Familien des 11. Septembers" mit leitet. Viele Familien wollten die Protokolle ihrer Ansicht nach erst gar nicht lesen und auch nichts davon hören.

Unterstützung fand Stern bei der Hafenbehörde, die die Veröffentlichung mit dem Verweis auf die Privatsphäre der Betroffenen verhindern wollte. Der Chef der Polizistenvereinigung der Hafenbehörde, Gus Danes, bezeichnete die Art und Weise der Veröffentlichung als besonders schmerzhaft für die Angehörigen der Opfer. Die Protokolle seien für die Medien freigegeben worden, "noch bevor viele Familien überhaupt die Möglichkeit hatten, sie zu sehen - wir glauben, dass das völlig unfair ist", sagte er. Darüber hinaus kritisierte er vor allem den Zeitpunkt der Veröffentlichung: "Der zweite Jahrestag des Anschlags naht, was ohnehin schon alte Wunden aufreißt. Das macht es nur noch schlimmer."

In einer offiziellen Stellungnahme der Hafenbehörde hieß es, die Protokolle zeigten Menschen, die an einem Tag "unvorstellbaren Schreckens heldenhaft und sehr professionell ihre Pflicht erfüllt" hätten. Die Hafenbehörde hatte 84 Mitarbeiter bei den Anschlägen verloren.(APA)

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    Lebende Erinnerungen an den Terror

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