Lohnende Gratwanderung

5. Oktober 2003, 21:13
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Unterschiedliche Kooperationsziele von Firmen und NGOs

Die Macht, die Welt zu verändern, liege immer mehr in den Händen der Konzerne, anstatt wie früher in den Händen der Staaten, diagnostiziert Günther Lutschinger, Geschäftsführer von World Wide Fund for Nature (WWF) in Österreich. Weil die Konzerne immer reicher würden - die größten von ihnen sogar reicher als wohlhabende Staaten wie Österreich (siehe Grafik). Und weil Firmen über Landesgrenzen hinweg agierten, wie internationale Umweltschutzgruppen auch.

Deshalb, so Lutschinger, suche zum Beispiel der WWF die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen. Und zwar nicht nur auf der Ebene des Sponsorings, sondern ebenso "inhaltlich". Ein Beispiel: Das Fischereisiegel MSC (Marine Stuartship Council), das große Reedereien auf freiwilliger Basis zur Einhaltung ökologisch und sozial verträglicher Regeln beim kommerziellen Fischen verpflichtet: "Die Fischbestände sind weltweit bald am Ende. Kluge Konzernstrategen werden das Siegel als Ausweg zu schätzen wissen."

Natürlich hätten solche Kooperationen auch ihre Grenzen - die Unternehmen handelten eben primär "profitorientiert". Doch die "schwierige Gratwanderung" lohne sich: Vielen börsennotierten Firmen nämlich sei klar: "Öffentlicher Gegenwind in Form medialer Kritik schadet bei den Shareholdern."

Druck machen sinnlos

"Auf Druck hin gehen wir überhaupt keine Zusammenarbeit ein", meint hingegen Michaela Reeh, Verantwortliche für Corporate Responsibility beim heimischen Ölunternehmen OMV. Als Wahrerin von Firmeninteressen steht für sie bei Kooperationen mit den Kritikern stattdessen "zusätzliches Know-how für die OMV" im Vordergrund: In Zusammenhang mit dem umstrittenen OMV-Engagement im Sudan etwa sei man an ein heimisches Nordsüdinstitut herangetreten, um Beratungsleistungen einzuholen.

"Wenn wir mit NGOs zusammenarbeiten, dann längerfristig und auf lokaler Ebene", betont Reeh - und will Gerüchte über einen bevorstehenden Verkauf der beiden sudanesischen Explorationsblöcke an die indische Ölfirma ONGC Videsh nicht kommentieren. Sie weist stattdessen auf das "Beispiel Pakistan" hin, "wo mit unserer Hilfe zwei NGOs aufgebaut wurden, die sich unter anderem für verbesserte Infrastruktur und Bildungschancen einsetzen".

Solche Konzernaktivitäten hätten klare Grenzen, gibt dazu Klaus Werner, Koautor des "Schwarzbuchs Markenfirmen" (Anm.: eine Rezension über dessen erweiterte Neuauflage erscheint demnächst im STANDARD-ALBUM) zu bedenken: "Das Engagement wird in der Regel nicht mehr kosten, als es der Konflikt täte, der durch die Zusammenarbeit vermieden oder abgewendet werden kann", meint er. Was derzeit fehle, seien "globale Regeln für die globalisierte Wirtschaft". (bri/DER STANDARD; Printausgabe, 29.8.2003)

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