Die grüne Paprika-Connection: Konzern lässt Kritiker arbeiten

30. Oktober 2003, 19:14
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Um Giftrückstände aus Obst und Gemüse zu bringen, hat Billa Global 2000 engagiert: Eine Kooperation zwischen Konzern und NGO

Als im Februar 2002 der grüne Paprika zum Sinnbild für pestizidverseuchte Lebensmittel avancierte, hatte Billa ein Problem. "So viele besorgte Mails und Protestanrufe hatten wir noch nie bekommen", erinnert sich Verkaufschef Alfred Propst; immerhin verkauft der Konzern 40 Prozent des in Österreich konsumierten Obsts und Gemüses.

In dieser Situation sei der Anruf der Aufruhrverursacher - der als Paprikatester in Erscheinung getretenen Aktivisten von Global 2000 - gerade recht gekommen, erinnert sich Probst. Die Umweltschützer unterbreiteten den Konzernverantwortlichen einen Vorschlag: Jenen, bei allen einschlägigen Produkten Pestizidkontrollen durchzuführen. "Wir haben damals in diesem Sinn alle Supermarktketten kontaktiert", erzählt Global-2000-Sprecher Klaus Kastenhofer. Positiv auf den Vorschlag reagiert habe man nur bei Billa.

Jährlich weniger Gift

Am Donnerstag nun, eineinhalb Jahre später, wurden die Früchte der innovativen Kooperation präsentiert: "Wir haben ein umfassendes Pestizidreduktionsprogramm, das PRP, aufgebaut", erläuterte Kastenhofer bei einer Pressekonferenz. Ziel der Bemühungen sei die "jährliche Reduktion" des Giftanteils in allen konventionell, nicht biologisch produzierten Obst- und Gemüsesorten, wie sie bei Billa im Regal liegen.

Kastenhofer geht ins Detail: Bis dato wurden 800 Tests durchgeführt, was sich Billa im ersten Jahr 250.000 Euro kosten ließ. Die Proben wurden unmittelbar nach der Anlieferung gezogen, die Resultate sowohl an die Lieferfirmen als auch an die Produzenten weitergegeben - egal, ob sie im Marchfeld oder in Südspanien sitzen, wo jährlich bis zu 500.000 Erntehelfer unter oftmals gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiten.

Bei wiederholten Überschreitungen: Sperre eines Produktes

Gerade die Informationsrückkoppelung sei "neu", betont Global-2000-Sprecher Andreas Bauer: "Davor wurden die Bauern nur informiert, wenn man Überschreitungen festgestellt hatte." Und sie habe einen intensiven Reduktionseffekt: "Im Fall höherer Grenzwertüberschreitungen fragen wir nach, wann und wo wie viel gespritzt worden ist. Das bringt wichtige Informationen." Bei wiederholten Überschreitungen könne es zur Sperre eines Produktes kommen. Das sei bisher allerdings noch nicht vorgefallen.

Bauer ist überzeugt davon, dass Lieferanten und Produzenten mit dem PRP-Programm auch längerfristig kooperieren werden. Nicht zuletzt, weil sie sich "aus der Abhängigkeit von den Chemiefirmen, die Pestizide produzieren, befreien können."

Insgesamt, so weiß er, dauert es "vier bis zehn Jahre, um die Giftstoffe aus dem Boden zu holen und dort wieder giftfrei anbauen zu können". Eine Perspektive, die dem wichtigem Pestizidproduzenten Bayer-Chemie am Donnerstag keine konkrete Reaktion entlocken konnte: Man werde sich "zuerst die genauen Inhalte des heute beschlossenen Programmes ansehen", meinte Bayer-Kommunikationsleiter Rudolf Purkhauser.

Spar mit "eigenem Pestizidreduktionsprogrammen"

Am Donnerstag wies auch die Supermarktkette Spar auf "eigene Pestizidreduktionsprogramme" hin. Inhaltliche Kritik kam von dem Globalisierungskritiker und Buchautor Klaus Werner. Die Zusammenarbeit mit Global 2000 lasse "Billa in den Augen der Konsumenten gut dastehen". Die Frage sei, ob dadurch nicht verdrängt werde, "dass weiter ein Großteil der verkauften Produkte unökologisch produziert" werde.

Werner nennt es "Kollateralschaden", spricht von "Gewissensberuhigung", wie sie für Kooperationen zwischen Konzernen und NGOs nicht untypisch sei. Ein Argument, dem Billa-Verkaufschef Probst nicht zu folgen vermag. "Die Konsumenten können nun mit reinem Gewissen unsere Produkte kaufen." Anders Global-2000-Aktivist Kastenhofer: "Ich habe kein reines Gewissen. Doch mit 50 Mitarbeitern können wir die Welt nicht retten", meinte er. (Irene Brickner, Andreas Grünewald, DER STANDARD; Printausgabe, 29.8.2003)

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    foto: standard/cremer
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