Wiens Theaterherbst:
Rüschen, Putzhauben und Schneiderei-Spiele

31. Oktober 2003, 14:05
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Wien - Für manche Theaterhäuser ist ein Spielzeitbeginn mehr als bloß eine kalendarische Zäsur. Das Wiener Josefstadt-Theater zum Beispiel will unter seinem neuen Direktor Hans Gratzer den Charme des Neuanfangs versprühen, ohne die alte, anhängliche Klientel mit allzu forschen Reformschritten vorsätzlich zu verprellen.

Das Ergebnis dieser Bemühungen ist ab 11. September zu bewundern: Da geht der Vorhang für das vergessene Biedermeier-Singspiel Aline oder Wien in einem anderen Weltteil von Adolf Bäuerle hoch (Regie: Philipp Arlaud). In rascher Folge legt der Prinzipal höchstselbst einen Nestroy nach (Mann, Frau, Kind ab 18. September). Die Arbeitshypothese lautet: Im Biedermeier hätte das Gedankengut der Aufklärung zu seiner spezifisch österreichischen Ausprägung gefunden, was es zu überprüfen gilt.
Im Wiener Volkstheater ist man noch früher dran: Bereits ab 6. September zeigt man im Haus am Weghuberpark Sophokles' Antigone in der Regie von Thirza Bruncken. Auch in Emmy Werners Institut will man zuvörderst dem österreichischen Genius huldigen. Nach Peter Shaffers Amadeus legt Franzobel im Herbst ein Mozart-Stück vor: das Auftragswerk Mozarts Vision, Regie: Alexander Kubelka.
Von deutlich welttheatralischer Gelassenheit dagegen der Saisonauftakt im Wiener Burgtheater: Am 7. September hat Shakespeares Was ihr wollt oder Zwölfte Nacht Premiere, die Inszenierung besorgt der Schauspieler Roland Koch, nachdem Regisseurin Andrea Breth die Aufgabe krankheitsbedingt niedergelegt hat. Aus Graz nach Wien übersiedelt Gert Jonkes ingeniöse Chorphantasie - zu sehen ab 9. September im Akademietheater.
Offenbar auf bewährte Erfahrungen greift man im Wiener Schauspielhaus zurück: Barrie Koskys auch schon wieder zwei Jahre alte Medea-Inszenierung soll die Wiener ab 7. September aus dem Hitzeschlaf reißen. Und weil man gerade beim Wiederaufnehmen ist, wird auch der Zyklus Check out Tschechow neuerlich in der Schneiderei angesetzt (13. bis 19. September).
In den dietheatern lässt man den gewaltigen Sommer sanft nachklingen. Franzobels in Gmunden uraufgeführte Jack-Unterweger-Hommage Black Jack läuft bereits seit gestern im dietheater Konzerthaus. Ab Sonntag dann die Erstaufführung von Enda Walsh' Bedbound im dietheater Künstlerhaus - eine Produktion des Theaters Turbine.
Ein heimisches Dichtungsprodukt wird von Eva Brenner als "Performance" ab 17. September im Grazer Literaturhaus, ab 26. September im Projekt Theater Studio gezeigt: Skandalon : Stille nach Werner Schwab. (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 29.08.2003)

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