Ein Mann sieht Kot

2. Oktober 2003, 21:16
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Mehr als nur ein Stück: Peter Handkes "Untertagblues" porträtiert den Neokonservatismus

Wien - In einem hat Peter Handke (60) Recht: Der Besuch einer voll besetzten U-Bahn-Garnitur kann den ästhetischen Glauben an die Menschheit nachhaltig erschüttern. Die wohlfeile Segnung des Nahverkehrs erkauft man in der Rushhour mit dem Verlust von Intimität, auf deren strikte Wahrung unsere Kultur sonst größten Wert legt. Der unvorteilhafte Blick auf die (schwitzenden, ausdünstenden et cetera) Mitmenschen gehört zum "Horror" der Massengesellschaft. Mag die Überwindung der kommunalen Kurzstrecke noch so rasch vonstatten gehen - es handelt sich beim U-Bahn-Fahren im Wesentlichen um unproduktive Zeit, die man "totschlägt".

Handke nimmt in seinem neuen Stück Untertagblues - ein Stationendrama (Suhrkamp), das Totschlagen auf gebührende Weise ernst. Er schickt einen "wilden Mann", ein sorgfältig als Strotter verkleidetes Selbstporträt als keifender "Volksfeind", von Endstelle zu Endstelle in eine U-Bahn-Garnitur.

Den zufällig zu- und aussteigenden Menschen liest dieser wunderliche Sänger des bornierten Weltekels die Leviten. Er beklagt die allgegenwärtige Hässlichkeit der ihn umgebenden "Rauchkringelbläser und Klickmausgestalten". Er besingt in harschen Wendungen den Verlust einer Schönheit, die kein poetischer Blick aus der gesichtslos gewordenen Masse hervorzuzaubern vermag.

Selbstkarikatur

Nie war Handke, dessen Stück in der neu anbrechenden Saison von Luc Bondy im Akademietheater uraufgeführt werden soll, näher an der Selbstkarikatur: als giftspritzender Zivilisationsfeind und Sonderling, der den mutmaßlichen Verlierern der Wettbewerbsgesellschaft auch noch den Schimpf seiner Verachtung hinterherschickt.

Angetan haben es ihm insbesondere die Funktionäre der Political Correctness, die gläubigen Adepten der Freizeitindustrie, die Subjekte einer haltlos gewordenen Zivilisation: "Im Frieden Lakaien und Papageien, im Krieg von Geldwelt Gnaden (sic!) Walter und Schalter, Cäsar und Hannibal, Helter und Skelter."

Welcher friedfertige U-Bahn-Fahrer soll sich davon im Innersten betroffen fühlen? Im Wagon des Untertagblues rührt sich kein Widerwort. Die Statisten dieses absonderlichen Textes scheinen diesen stänkernden Zarathustra gar nicht erst zu bemerken.
Handkes immer wieder selbstironisch zugespitzte Übertreibungskunst ankert in einer hoch aktuellen Erfahrung - und ist darum mehr als bloß eine weitere Episode in seinem gewaltig anschwellendem Dramenkatalog. Der Dichter sieht zu, wie sich die Aura aus der grauen Alltagswelt spurlos verflüchtigt.

Diese Erfahrung, die an Walter Benjamins Beobachtungen des Hochkapitalismus um ein Jahrhundert verspätet anschließt, trifft insofern einen Nerv. Nicht nur die regierungspolitischen Vertreter des Neoliberalismus beklagen schließlich nachhaltig den Verlust jener Werte (Kindersegen, Solidargemeinschaft et cetera), für deren Preisgabe sie die Gottlosigkeit einer bloß auf Zerstreuung angelegten Party-und Konsumgesellschaft verantwortlich machen.
Wiederum erweist sich Handke als genialer Anwalt einer nebulösen Zeitströmung. Der vorsätzlich "konservative" Dichter-Seher beschädigt als wortgewaltiger Übertreibungskünstler das vermeintliche eigene Anliegen: Der schimpfende Rohrspatz wird von einer zugestiegenen "wilden Frau" mit medusenhaftem Aussehen in Richterrobe handgreiflich zurechtgewiesen. Man darf gespannt sein, wie der große Gert Voss - für die noch nicht terminisierte Uraufführung als Hauptdarsteller vorgesehen - diese Schmähung erträgt.(DER STANDARD, Printausgabe, 29.08.2003)

von Ronald Pohl
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