Inselglück mit Moltebeeren

23. Mai 2005, 14:40
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Ziehen sich die Finnen in ihre Mökki, die kleinen Sommerresidenzen am See, zurück, weicht der Stress bald einem ausgefeilten Ritual an immer Gleichem. Und das muss gar nicht langweilig sein

Vierter Tag, wieder Schönwetterwolken, aber heute leichter Ostwind. Und neue Eintragung im Ferienbordbuch: "Dreizehn Uhr dreißig. Die Birkenmännchen sind startklar, das Borkenboot für den Stapellauf bereit." Doch halt! Etwas gemütlicher darf Ihre erste Cruise im blitzblauen Saimaa-See schon ausfallen. Immerhin soll es ja eine Seereise ins verzweigteste Süßwasserlabyrinth Europas werden.

Moospölsterchen böten sich an zum besseren Sitz im armlangen Borkenboot. Die Birkenmännchen scheinen zufrieden in ihrem Schiffchen - weißlich gelbe Holzfiguren, die jeden Tag mehr Kontur angenommen haben. Und zuletzt sogar so etwas wie einen natürlichen Charme.

Letzteres gilt übrigens auch für die ganze Blockhütten-Geschichte. Denn auch sie scheint aus gutem Holz geschnitzt: Schlicht und naturnah plätschern die Stunden und Tage in Tynkkylä dahin. So wie der sanfte Wellenschlag an jenem wunderbaren Stückchen Wasserlandschaft, das der große Thor oder zumindest die letzte Eiszeit aus dieser grandiosen skandinavischen Ecke herausgeschabt haben. Ein wahres Naturparadies ist in Summe dabei entstanden: tiefblaues Wasser, das bei niedrigem Sonnenstand in geheimnisvoll glucksendes Schwarz umschlägt. Nadelwälder mit einer Skyline, an deren Spitzen sich nun schon seit Tagen weiße Bilderbuchwolken festpinnen. Und nicht zu vergessen: rund geschliffene Granitbuckel, die jedem Insel-Cartoon Ehre machen würden.

Voller eleganter, schlanker Birken statt Palmen stehen sie im Süßwasser herum. Aufgeheizte, glatte Steinmulden lassen Sandstrand vergessen. Taucht man die Füße ins glasklare Wasser, werden sie golden, so wie die Rücken der Nixen oder wie die ersten von den Birkenzweigen segelnden Augustblätter.

Malerische Beschreibungen vom Rouge der Morgenröte an der spiegelglatten Tynkkylä-Bucht müssen an dieser Stelle leider trotzdem entfallen. Man erlebt sie im finnischen Sommer nämlich nie, es sei denn, man ist chronisch nachtaktiv und treibt sich gegen halb drei in der Früh zwischen Fichten und Pilzen herum.

Eher beginnt der Tag so ähnlich wie der letzte geendet hat: mit einem Blick auf die lichte Holzdecke des Zimmers, das man im ersten Moment des Erwachens glatt für die Sauna halten könnte: Fichtenholz, wohin man blickt. Das heißt, wären da nicht nebenan die weißen Gardinen, durch die sich die Strahlen der wieder einmal viel früher aufgestandenen Sonne ins Schlafzimmer zwängen. Ein Kontrollblick durchs Fenster verrät: Nadelbäume, Felsen, Dart-Scheibe, Mietwagen, alles noch da. Von Elchen auch heute keine Spur.

Wenn trotzdem etwas schnarrt, dann ist es die Kaffeemaschine. Finnenbrot, leicht gesalzene Butter, Moltebeeren-Marmelade sind ebenfalls da. Sogar Heringe in Dillsauce.

Nähert sich die erste Blockhüttenwoche ihrem Ende, hat der Tagesablauf zwischen Seeufer und Waldrand längst etwas von einem Ritual angenommen. Zeit wird relativ, der Horizont weit, das Licht verschwenderisch. Was zählt, sind die quintessenziellen Dinge zwischen Wasser und Himmel: das Farbspiel der ewig langen Sonnenuntergänge, der Geruch nach Fischhaut und Uferschilf, der erhitzte Kopfsprung von der abendlichen Sauna in den dunklen See.

All das gilt in ganz besonderem Maße für das blaue Saimaa-Bassin, dem in Finnlands Südosten gelegenem Renommierstück des Karelischen Seengebiets, das sich bis weit über die russische Grenze erstreckt. Seit dem 19. Jahrhundert unterhalten die Finnen hier mit besonderer Vorliebe ihre "Mökki", jene bewusst schlicht gehaltenen Sommerhäuschen, an deren Schwelle die komplizierten Dinge des Lebens zurückgelassen werden dürfen - einst in den Kontoren, heute am Computerarbeitsplatz. Die Überdosis an Natur, mit dem dieses riesige, mit 4400 Quadratkilometern größte zusammenhängende Wasserlabyrinth Europas bis heute aufwartet, sprach sich entsprechend früh herum.

Russlands Zar Alexander I., der damals über Finnlands Osten herrschte, ließ Teile der Region bereits im Jahre 1803 unter Schutz stellen, und 1843 wurde hier mit Punkaharju das erste offizielle Naturschutzgebiet Finnlands begründet. Eine eigene Saimaa-Schifffahrtsflotte schipperte neben Brennholz auch Sommerfrischler aus aller Welt zwischen St. Petersburg, Helsinki und Savonlinna, dem kulturellen Zentrum des Saimaa-Bassins, hin und her. Daran erinnern die sommerlichen Opernfestspiele, die in der eindrucksvollen, mittelalterlichen Wasserburg Olavinlinna seit den Sixties Startenöre und Arien-Aficionados ins finnische Seengebiet lotsen.

An die Ära der ersten fashionablen Sommergäste erinnern aber auch die historischen Boote in Savonlinnas Hafen, deren abblätternde Lackfarben, penibel gerollte Taue und knarrende Deckmöbel noch heute an elegante Damen mit weißen Spitzenschirmchen und an distinguierte Herren mit Zylinder, Backenbärten und Reiseplaid denken lassen. Klar auch, dass diese seit langem besiedelte Wasserwelt ihre Reize gleichmäßig verteilt. Wer in einer Anwandlung von Unrast sein geruhsames Mökki verlässt und auf den schmalen Seitenstraßen des lokalen Wegenetzes herumkurvt, wird neben Örtchen, die man andernorts in der Spielzeugkiste verstaut, vor allem eines entdecken: dass fast jede Halbinsel wieder eine Halbinsel ausformt.

Und dass viele Straßen wie jene der berühmten Landschaft Punkaharju über weite Strecken auf langen, schmalen Gesteinsgraten verlaufen, mit Seeblick zu beiden Seiten. Diese zerrissene Topografie beschert dem Saimaa einen weiteren Superlativ, nämlich die längste Küstenlinie pro Flächeneinheit. Vom Helikopter aus betrachtet sieht die Gegend denn auch wie eine angeschnittene, auf Grün und Blau umgefärbte Charlotte Royal aus.

Ein verwinkelter, verwirrender Irrgarten aus Landzungen und immer neu verzweigten Buchten erstreckt sich da bis an die Ränder des Horizonts. Zählt man all die einsamen, von wenigen Häuschen gesprenkelten Ufer-Laufmeter zusammen, so kommt man auf 15.000 Kilometer sauberen Saimaa-Strand. Und entdeckt als Zugabe für Süßwasser-Robinsons auch noch ein 13.700faches Inselglück - das Saimaa-Bassin beherbergt nämlich auch Europas größten Archipel. Notfalls lässt sich das eine oder andere dieser Eilande per idyllischer Holzbrücke betreten, während verschlafene Städtchen wie Lappeenranta mit nostalgischen Pippi-Langstrumpf-Cafés und recht erstaunlichen Topfentorten aufwarten können. Wer will, kann das Lusto-Waldmuseum besuchen und an den Stromschnellen von Imatrankosk sein Fliegenfischer-Glück probieren.

Aber am schönsten sind trotzdem die kleinen Wellen vor der eigenen Mökki-Tür. Saimaa-Stille, wie gesagt, bis auf das leise Glucksen im See. Vielleicht stammt es von einer jener Saimaa-Robben, deren Vorfahren vor neuntausend Jahren, als sich das Saimaa-Bassin vom Meer trennte, hier eingesperrt wurden - und dabei das große Los zogen. Im Laufe der Zeit verwandelten sie sich zu den einzigen Süßwasserrobben der Welt.

Wer einmal den Saimaa gekostet hat, versteht wohl auch warum - und füllt als bestes Souvenir ein, zwei Liter Seewasser in Flaschen ab. Damit zu Hause, nach einem guten Schluck aus der Wasserkaraffe, wenigstens das Gaumensegel noch eine letzte Saimaa-Runde drehen kann. (Der Standard/rondo/29/08/2003)

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