Josef "Jolly" Hesoun - Überzeugter Sozialist und Arbeiter-Vertreter

28. August 2003, 13:05
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Negativstes Erlebnis seiner Bilderbuchkarriere: Die "Grapsch-Affäre"

Wien - Josef "Jolly" Hesoun ist tot. Er war bekennender Sozialpartner in Zeiten, als diese Österreich oft im Alleingang gestaltet haben, geprägt von den Idealen der damals Sozialistischen Partei, Weggefährte Anton Benyas im Kampf gegen Umweltschützer und Gegner der ersten Frauenministerin Johanna Dohnal, wenn es um das Thema Emanzipation ging. Hesoun legte eine sozialdemokratische Bilderbuchkarriere zurück - vom Automechaniker bis zum Minister. Er war ein Selfmademan, ein Pragmatiker, nach Eigendefinition ein "Streithansel" , der mit dem politischen Gegner oft besser "konnte" als mit Intellektuellen seiner Partei. Ein Typus, der im heutigen politischen Management nicht mehr denkbar ist.

Seine Arbeit als Minister

Auf Hesouns Konto gehen 136 Gesetze und mehr als 90 Verordnungen, mit dem unter seiner Führung ausgearbeiteten Pflegegeldmodell ist er in die österreichische Sozialgeschichte eingegangen. Unter seiner Ägide wurde auch die Arbeitsmarktverwaltung als eigenständiges Arbeitsmarktservice ausgegliedert. Den Ruf eines "Betonierers" handelte er sich im Streit um das geplante Kraftwerk Hainburg ein. Letztlich wirkte er aber doch mäßigend in der Auseinandersetzung zwischen Umweltschützern und Gewerkschaftern, indem er in der besetzten Au den Dialog mit den Naturschützern suchte.

"Grapsch-Affäre"

Als negativstes Erlebnis seiner Karriere hat er selbst die so genannte "Grapsch"-Affäre bezeichnet. Seine damalige Partei- und Parlamentskollegin Waltraud Schütz hatte ihn beschuldigt, ihr in den Rückenausschnitt gegriffen zu haben. Hesoun dementierte stets: "Das war ein Tiefschlag der politischen Unkorrektheit, auch das Abscheulichste für mich". Sprachlos gemacht hatte ihn, dass im Jahr 2000 die SPÖ-Domäne, das Sozialressort an die FPÖ gegangen war, und zwar damals an die glücklose Elisabeth Sickl. Hesoun dazu wörtlich: "Was soll ich sagen? Seit 1947 bin ich Funktionär in der SPÖ und habe vieles erlebt. Aber dass nach 30 Jahren Sozialpolitik dort jemand sitzt, der Schlossbesitzerin ist, das ist für mich ein bissl was Obszönes".

Sein Leben

Hesoun wurde am 12. April 1930 im niederösterreichischen Vösendorf geboren. Von 1951 bis 1961 war er als Schlosser, Hilfsarbeiter und später als Angestellter bei den Wienerberger Ziegelwerken tätig. 1952 wurde Hesoun in den Arbeiterbetriebsrat seines Betriebes gewählt und war dann Angestelltenbetriebsrat und Vertreter der Angestellten im Zentralbetriebsrat der Fa. Wienerberger. Seit 1957 war er Mitglied des Landesvorstandes der Gewerkschaft Bau- und Holzarbeiter Niederösterreichs, seit 1987 ÖGB-Vizepräsident.

Politische Karriere

Der gelernte Automechaniker wurde 1961 Sekretär, später Landessekretär und Vorsitzender-Stellvertreter der Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter. Er war geschäftsführender Gemeinderat der Marktgemeinde Brunn am Gebirge. Mit 1. Jänner 1973 wurde er Vorstandsmitglied der Arbeiterkammer. Von Februar 1974 bis zu seinem Eintritt in die Regierung Ende 1990 war er Präsident der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich. Von 1983 bis 1991 war Hesoun Vizepräsident des Arbeiterkammertages.

Bundesrat, Nationalrat, Ministerium

Auf Bundesebene wurde er von der SPÖ im November 1975 in den Bundesrat entsandt, dem er bis Juni 1979 angehörte. Im selben Jahr übersiedelte er in den Nationalrat. Von 1983 bis 1990 war Hesoun Vorsitzender des Sozialausschusses. Im Zuge der Regierungsbildung im Jahr 1990 wechselte er als Sozialminister in das Kabinett Vranitzky III als Nachfolger von Walter Geppert. Am 6. April 1995 gab er das Amt "schweren Herzens" an Franz Hums ab.

Kurz nach seiner Pensionierung übte er scharfe Kritik an der SPÖ: "Der SPÖ laufen die Arbeiter davon, sie hat nach 25 Jahren in der Regierung Abnützungserscheinungen", sagte er. Und weiter: "Trotz der sozialistischen Regierungspolitik wurden die Arbeiter und Angestellten dieser Republik jahrelang vernachlässigt. Da gibt es keine Entschuldigung für uns und die anderen Klassen. Alle gesellschaftlichen Gruppen haben sich's richten können. Wir sind aber den Arbeitern sehr viel schuldig geblieben". Dann ist es still geworden um Hesoun, er meldete sich öffentlich nicht mehr zu Wort.(APA)

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