Familienidylle existiert nur im Kopf

28. August 2003, 12:50
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Realisiert wird sie, wenn der Rahmen passt, meinen Jugend- und WerteforscherInnen Bernhard Heinzlmaier und Regina Polak

Es war einmal alles so einfach: Jung sein, sich in der Tanzschule verlieben, ab und zu einen Ball besuchen, Heiraten, Kinder kriegen. In den 50ern und 60er Jahren. Dann aber wurde die Jugend rebellisch. Die zum Automatismus mutierten Lebensläufe ihrer Eltern wurden über den Haufen geworfen. Alles wurde anders und kompliziert.

Erwachsene – Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) lieh ihnen jetzt stellvertretend die Stimme – wähnen die Jugendlichen nur noch "von Party zu Party" rauschend und einem "Ferienhaus auf Ibiza" oder in Lech am Arlberg hinterherhechelnd. Nur an eigene Kinder wollten die vergnügungssüchtigen Kinder der Erwachsenen nicht denken.

"Erziehungsopfer"

Kein Wunder, entgegnet der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier, Geschäftsführer der T-Factory, die auf Marktforschung im Jugendsegment spezialisiert ist. Die Elterngeneration von heute sei mit den Produkten ihrer eigenen Pädagogikkünste konfrontiert:

Wer Handyrechnungen von 200 Euro problemlos finanziert, braucht sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs ein "unheimliches Anspruchsdenken den Eltern, aber auch dem Staat gegenüber zeigt", spricht Heinzlmaier von "Erziehungsopfern". Vor allem bei "unter 20- Jährigen beobachten wir einen stark aufkeimenden Egoismus" – der aber nicht aus heiterem Himmel komme, warnt Heinzlmaier vor allzu schnellen Urteilen: Es seien "hausgemachte Egoisten". Das sei ein gesellschaftliches Problem und nicht eines, das "zwischen liberal und konservativ" verlaufe: "Wir müssen kritisch reflektieren, wie wir unsere Kinder erziehen."

Welche Werte österreichische Jugendliche aus ihrer Erziehung ableiten, wurde in der Jugendwertestudie 2000 erhoben. Mitautorin und Werteforscherin Regina Polak zufolge ist die Bedeutung, die Jugendliche der Familie zumessen, zwischen 1990 und 2000 stark gestiegen. Familie sei eine "Art Chiffre für die sehr stark vorhandene Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und einem Ort, wo man selbst sein kann", sagt sie im Standard-Gespräch. 70 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren nannten "Familie" einen "sehr wichtiger" Wert, ebenso hoch ist der Zuspruch für den "Freundeskreis". "Treue" habe laut Polak in den vergangenen zehn Jahren an Attraktivität gewonnen.

Hinsichtlich des Kinderwunsches unterscheidet Polak zwei gleich große Gruppen: Jeweils 41 Prozent der Befragten wollen eine fixe Bindung (und Kinder) oder aber zunächst einmal die Jugend genießen. Nur sechs Prozent wollen keine Kinder.

Kritisch beurteilt Polak, dass die Erwartungen an Beziehung, Kindererziehung und den materiellen Lebensstandard enorm hoch seien.

Dieser Perfektionsdrang ist mit ein Grund, dass viele das Kinderkriegen erst aufschieben und dann ganz aufgeben. Ob aus dem Kinderwunsch auch Realität wird, hänge sehr vom gesellschaftlichen Rahmen (Kinderplätze, Vereinbarkeit Beruf und Familie, Partnerverhalten in der Beziehung) ab – und nicht so sehr von allzu exzessivem Egoismus der Jungen, sagt Jugendforscherin Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung "jugendkultur.at".

Das Problem sei "nicht ein radikaler Individualismus, auch wenn wir es mit sehr bedürfnisbewussten Jugendlichen zu tun haben. Sie sind halt Kinder der Freizeit- und Konsumgesellschaft". Und Partymachen sei nun einmal "Teil der typischen Freizeit von Jugendlichen". Familie sei für sie "eine Zukunftsperspektive, eine idyllisch besetzte Traumwelt für später".

Bleibt also Hoffnung für alle, die fürchten, das Kinderkriegen könnte aus der Mode kommen: Die "pragmatische Jugendgeneration" ist "aufgeschlossen ist für Sowohl-als- auch-Wertetypologien. Sie sind Sinnbastler, die verschiedene Lebenskonzepte mischen." Kinder sind eines. (Lisa Nimmervoll, Peter Mayr, DER STANDARD Print-Ausgabe vom 28.8.2003)

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