Ein leibhaftiger Glücksfall

28. August 2003, 13:18
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Der Sänger und Dirigent Bobby McFerrin tritt am Sonntag bei den Salzburger Festspielen mit dem Orchester des Attergauer Instituts auf

Der Vielseitige könnte sich vorstellen, dereinst auch das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, mit denen er am 4. September in Wien gastiert, zu dirigieren.

Salzburg - Geduldig, freundlich beantwortet der amerikanische Sänger und Dirigent die Fragen in einer mittags live produzierten Salzburger Radiosendung. Er spricht über die Leidenschaft seines Musizierens fernab aller Routine, über Erfahrungen voller Überraschungen, über Spiritualität im Widerspruch zu leerer Handwerklichkeit.

In den Gesprächspausen horcht dieser so hochbegabte, in seinem Tun und Lassen seit Jahren so unberechenbar zwischen den "Gattungen" Pop, Jazz und Klassik vagierende Interpret in sich hinein, singt mit hoher, leiser Präzision Passagen kommender Aufgaben, deren nächste ein Konzert des "Internationalen Orchesterinstituts Attergau" bei den Salzburger Festspielen sein wird - am Sonntag in der Felsenreitschule mit Werken von Mozart (KV 45a), Gershwin (Klavierkonzert in F-Dur mit Rudolf Buchbinder) und Beethoven (Sinfonie Nr. 8).

Für unser Gespräch begeben wir uns von der Terrasse des Kleinen Festspielhauses in Richtung "Goldener Hirsch". An der Seite McFerrins, der seit ein paar Tagen intensivst mit den Nachwuchskünstlern probt, lehrt und lernt, gerät dieser Spaziergang zur Introduktion in die pulsierende Lebendigkeit eines leibhaftigen Glücksfalls.

Schon im Mönchsberg-Lift "probiert" McFerrin eine Phrase aus Bizets L'Arlesienne-Suite, unterrichtet seinen Begleiter über die Schönheiten der Melodieführung, etwas später dann über die Schwierigkeiten für einen Dirigenten, zu entscheiden, wie lange ein Ton zu halten, wann der nächste anzusetzen sei, was es mit dem Atmen auf sich habe und dergleichen mehr.

Er nennt bewundernd seinen Vater als ein oberste Instanz in allen vokalen Belangen. Und er verrät - nachdem er appetitlich Speisekarte vorgesungen hat (!) -, dass ihn, seitdem er sich mit klassischer Musik beschäftigt, vor allem Mozart fasziniert hätte. Natürlich fragt man ihn, wie er für das Programm auf die selten gespielte G-Dur-Sinfonie (KV 45a) gekommen sei? Er übergeht die Frage, hebt sogleich hervor, wie sehr er die A-Dur-Sinfonie (KV 201) schätze.

Er bestätigt uns deren ungewöhnlich gesanglichen Beginn, und er bestätigt auch, dass dieser Beginn von allzu vielen Dirigenten nicht kantabel genug, zu kantig empfunden werde. Auch die Jupitersinfonie hat McFerrin bereits aufgeführt. Wenn er in Salzburg erstmals Beethovens Achte leitet, dann nähert McFerrin sich dieser Partitur nicht mit einem fertigen Konzept, schon gar nicht auf der Grundlage aufführungspraktischer Recherchen.

Er erarbeitet die vier Sätze im Austausch mit den Musikern, horcht in die Musik, horcht mit ihnen zusammen, entwickelt den Fluss und Fortgang der Musik aus den Gesetzmäßigkeiten individueller und kollektiver Passion und Freude. "Freude" ist eines der vorrangigen Stichwörter im Gespräch mit dem bald aufmerksamen, bald im inneren Vokalmonolog wie selig hinweggetragenen McFerrin.

Große Ehre

Und dieses Stich- und Reizwort ermutigt einen auch, ihn nach der Möglichkeit zu fragen, einmal das Neujahrskonzert der Philharmoniker zu dirigieren, womöglich den Frühlingsstimmenwalzer in der Personalunion eines Sopranisten und Orchesterchefs zu intonieren. McFerrin zögert nicht, eine solche Einladung als große Ehre zu bezeichnen. Er wechselt das Thema, das heißt: Er summt und fiept ein weiteres aus seinem realen und imaginären Repertoire.

Aber diese knappe, höfliche Antwort lässt vermuten, dass dieses Neujahrsthema durchaus schon zwischen ihm und den entsprechenden Gremien einmal namhaft gemacht worden ist, zumindest im veranstalterischen Raum steht, denn McFerrin ist in nächster Zeit recht häufig in Wien und auf Reisen am Pult der Wiener Philharmoniker engagiert.

Noch einmal angesprochen auf die Arbeit mit den jungen Leuten des Attergauer Orchesterinstituts, hebt McFerrin deren Bereitschaft hervor, nicht nur nach dem Wie ihres Tuns zu fragen, sondern auch nach dem Warum. Es ginge ihm darum, eine Expressivität der Ursprünglichkeit zu erreichen, die im Erleben gründet.

Die technische Arbeit, das Üben sei wichtig, aber man müsse als Interpret ein Stadium erreichen, in dem diese elementaren Fragen gelöst seien, zumindest den kreativen Prozess nicht behindern würden. Und McFerrin fragt uns unvermittelt, ob Rudolf Buchbinder das F-Dur-Concerto von Gershwin schon gespielt habe. Sicher mehr als hundertmal, wagt man Buchbinders bekanntermaßen intimste Kenntnisse dieses Stückes in eine ungefähre Zahl zu fassen.

McFerrin nickt befriedigt und begibt sich - auf unsere spontane Anregung - per Vokalglissando in den Beginn von Gershwins Rapsodie in Blue, deren berühmter Klarinettenschleifer aufwärts für seine Stimmbänder keinerlei Probleme darstellen. (Peter Cossé/DER STANDARD; Printausgabe, 28.08.2003)

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    Ein Maestro der Vielseitigkeit: Bobby McFerrin bewegt sich gerne zwischen den Stilstühlen, schätzt Mozart ebenso wie Duette mit dem Pianisten Chick Corea.

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