Debatte als Angriff auf den Sozialstaat

28. August 2003, 18:13
19 Postings

Wirtschaftsforscher Guger sieht Junge nicht benachteiligt

Die Geburtenrate sinkt so konstant wie die Zahl der Älteren steigt. Derzeit sind 1,6 Millionen Österreicher älter als 60 Jahre, wenn die Prognosen stimmen, werden es in 50 Jahren drei Millionen sein. Sind die Jungen die Nettozahler im Generationenkonflikt, weil sie hohe Pensionen und Sozialausgaben zahlen müssen, die sie selbst nicht konsumieren werden können?

Nein, sagt Wirtschaftsforscher Alois Guger vom Wifo. Und begründet das so: "Die Jungen erben von den Alten zwar rund 150 Milliarden Euro an Staatsschulden – aber auf der anderen Seite 290 Milliarden Euro an Privatvermögen." Dazu könne die Generation der Erben noch von Investitionen in die Infrastruktur und in ihre Ausbildung profitieren: "Der Akademikeranteil ist deutlich angestiegen."

Daher glaubt Guger: "Man kann nicht nur das größere Stück vom Kuchen, das die Älteren erhalten, vergleichen und diskutieren. Hat doch das kleinere Stück Kuchen für die Jungen einen wesentlich höheren Kaloriengehalt."

Gerechte Verteilung

Prinzipiell will Wirtschaftsforscher Guger aber nicht über einen ökonomischen Kampf zwischen den Generationen diskutieren, denn: "Die Debatte läuft völlig falsch und ist eigentlich ein Angriff auf den Sozialstaat." Gehe es doch eigentlich nicht um einen Verteilungskampf zwischen Alt und Jung, sondern um den zwischen Arm und Reich: Dass etwa so viel Privatvermögen vererbt werde, sei zwar für die Erben schön – helfe den Nichterben aber wenig. Dass die Vermögenssteuer in Österreich mit 0,5 Prozent so niedrig sei (in den USA liegt sie bei zwölf Prozent), verstärke die Kluft noch. Daher ist Guger überzeugt: "Viel wichtiger als eine Debatte über den Generationenkonflikt wäre eine über Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Sozial- und Steuersystems."

Dabei helfe es wenig, Junge zu beschuldigen, dass sie keine Kinder bekommen, meint Guger: "Es braucht Zukunftsperspektiven. Wenn Junge wenig Chance auf Arbeit und Beschäftigung haben, sinken die Geburtenraten. Ich bin überzeugt, dass sie wieder steigen, wenn Wachstumsperspektiven vorhanden sind."

Dazu brauche es auch Rahmenbedingungen, assistiert Bevölkerungswissenschafter Rainer Münz: "Frankreich hat flächendeckende Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen – und eine der höchsten Geburtenraten." Das allein reiche aber nicht, Europa brauche auch Migration. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.8.2003)

Von Eva Linsinger
Share if you care.