Gabun: Ausbildung als Ausweg

29. August 2003, 11:15
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Eine oberösterreichische Ordensschwester erzählt von ihrer Afrika-Mission, bei der sie Kinderprostituierten aus der Krise hilft

Wien - Gabun, junge Afrikanerinnen in einem Ausbildungszentrum: Die Frauen lernen das Schneidern, den Friseur-Beruf, französisch lesen und schreiben. Man sieht ihnen nicht an, dass sie "mit sieben, acht, neun ins Schlittern gekommen sind". Die oberösterreichische Ordensschwester Christine Lengauer, die das Ausbildungszentrum in der Hauptstadt Libreville betreut, nennt es so - "ins Schlittern kommen". Wahrscheinlich weil es weniger hart klingt als Kinderprostitution.

Zwangsabtreibungen

Die etwa 17- bis 25-jährigen Frauen haben viel mitgemacht - Ausbeutung, Gewalt, Enttäuschungen. Die meisten stammen aus Gabun, manche kommen über Menschenhandel aus Westafrika, weil im Vergleich zu diesen Ländern Gabun als reicher Staat gilt. Lengauer: "Alle sind Jungmütter. Denn alle haben die Erfahrung einer Mutter gemacht, und auch wenn sie das Kind nicht haben, haben sie eine Abtreibung erlebt". Ein Schwangerschaftsabbruch erfolgt in Gabun oft "auf die rauheste Art", manchmal auch unter Betäubung. "Dem Kind wird das Kind genommen, weil es finanziell nicht tragbar wäre."

Als Objekt betrachtet

Als junge Erwachsene beschließen einige von ihnen, ein neues, ein eigenständiges Leben anzufangen. Sie lernen und "spüren, dass sie fähig sind, Erfolge zu haben, etwas herzustellen. Das gibt ihnen Selbstvertrauen", sagt Lengauer. Bisher haben sie nur die Erfahrung gemacht, "als Objekt betrachtet zu werden". Zwei Aspekte erschweren die Situation der Frauen in dem kleinen zentralafrikanischen Staat mit 1,2 Millionen EinwohnerInnen an der Westküste des Kontinents zusätzlich:

"Aids ist eine heiße Welle, die auf uns zurollt", sagt Lengauer. Es gebe immer mehr Sterbefälle, immer mehr Kinder, die von Geburt an angesteckt sind. Etwa sieben Prozent der Bevölkerung tragen das Virus in sich. Doch Aids gilt in der gabunischen Gesellschaft als Tabu. "Wenige wollen wahrhaben, dass sie erkrankt sind. Es ist etwas, worüber in der Familie nicht gesprochen wird."

Und: "Medikamente sind sehr teuer." Auch der Spitalsaufenthalt. Es gebe zwar staatliche Krankenhäuser, aber "Verbandszeug, Gummihandschuhe und all das musst du selbst kaufen, damit man dich überhaupt angreift". Die Krankheit eines Familienmitglieds kann eine ganze Familie in den finanziellen Abgrund stoßen, sagt Lengauer. Krankheit ist einer der Gründe, warum junge Mädchen Prostituierte werden. Ein anderer ist Armut.

Polygamie gesetzlich verankert

"Ein ganz großes Problem für Frauen", so Lengauer, ist außerdem, dass in Gabun "Polygamie als Gesetz staatlich verankert ist". 60 Prozent der Jungmütter würden deswegen entscheiden, allein, ohne Mann ihre Kinder aufzuziehen. "Sie können sich nicht wehren, wenn er eine Zweite oder Dritte hat. Um dem zu entgehen, wird von vornherein nicht geheiratet."

Der gabunische Präsident Omar Bongo hat das Gesetz erlassen. Er selbst konvertierte zum Islam. Die Mehrheit der Bevölkerung ist aber katholisch - 52 Prozent.

Christine Lengauer wurde 1953 in Gaflenz geboren. Schon in ihrer Kindheit interessierte sie sich für Afrika. Im Alter von 15 entschied sie, Entwicklungshelferin zu werden. 1970 trat sie dem Don Bosco-Orden bei. 1991 ging sie auf Mission nach Afrika. Sie arbeitete in Togo und nun das sechste Jahr in Gabun, wo sie eine Pfarre und das Frauenausbildungsprojekt betreut. Dort lernen die jungen Afrikanerinnen zwei Jahre lang Handarbeiten, also Stricken, Nähen, Häkeln, außerdem französisch Lesen und Schreiben, Maschinenschreiben, Computer sowie Rechnen. Hebammen lehren Biologie und Hygiene. Etwa 90 Frauen sind für das kommende Schuljahr angemeldet. (APA)

  • Junge Frauen bei der Ausbildung zur Frisöse
    foto: jugendeinewelt
    Junge Frauen bei der Ausbildung zur Frisöse
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