Verhüten per Pflaster

27. August 2003, 12:03
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"Quantensprung" ab September in Österreich erhältlich - Wirkung ähnlich der Pille, aber "verträglicher"

Wien - Zwischen "Quantensprung" und einfach einer Verbreiterung der Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung. - So pendelten am Mittwoch die Kommentare führender österreichischer ExpertInnen anlässlich der Präsentation des neuen Verhütungspflasters (EVRA) in Wien.

Der Vorstand der Universitäts-Frauenklinik in Wien, Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein ging auf die grundsätzliche Situation ein: "Wir können davon ausgehen, dass zwei Drittel der Menschen in irgendeiner Form verhüten. Wahrscheinlich gibt es nicht die ideale Form der Verhütung, sondern verschiedene Methoden, die individuell auf die Situation der Frau und des Paares abgestimmt werden müssen."

Wirkungsweise

Das ab 1. September in Österreich erhältliche Pflaster gibt über eine Woche hinweg konstant die Hormone Ethinylestradiol (Östrogen) und Norelgestromin (Gestagen) ab. Das Pflaster wird jeweils am selben Wochentag geklebt. Es wirkt sieben Tage (zwei Tage "Reserve"). Nach drei Pflastern wird eine Woche pausiert. Eine Entzugsblutung setzt ein. Getragen sollte es am ehesten am Oberkörper (nicht auf der Brust), am Gesäß, Bauch oder an der Außenseite der Oberarme. Sauna, Sport, Baden etc. beeinträchtigen offenbar nicht die Hafteigenschaften.

Der Wiener Gynäkologe und Endokrinologe Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber hält die Wirkung des Pflasters ebenfalls für außerordentlich: "EVRA ist aus zwei Gründen ein Quantensprung in der Verhütung. Die transdermale Abgabe des Östrogens umgeht die Leber. Dadurch wir die starke Produktion von Stressfaktoren in der Leber verhindert, wie es bei der oralen Einnahme von Östrogenen geschieht. Der zweite Grund liegt darin, dass diese transdermale Anwendung nicht die Produktion der Androgene der Frau unterdrückt."

Die Erwartungen daraus: Unter Anwendung des Verhütungspflasters soll es zunächst weniger häufig zu einer Erhöhung des Blutdruckes und/oder der Blutgerinnung (Thrombosen) kommen. Durch das Vermeiden der Unterdrückung der Androgen-Produktion sollen weniger Nebenwirkungen wie Brustspannen, Verlust der Libido, Insulinresistenz und Veränderungen im Fettgewebe als bei der "Pille" auftreten.

Der aus Österreich stammende Erfinder der "Pille", Univ.-Prof. Dr. Carl Djerassi: "So ein Pflaster sieht einfach aus, die Realisierung ist aber unglaublich schwierig. Es ist natürlich sehr bequem. Der größte Vorteil der 'Pille' ist, dass man sie täglich einnimmt und sofort absetzen kann, wenn man nicht mehr will. Der Nachteil ist das Vergessen der Einnahme."

Die einfacher Anwendung mit der Verhinderung des Vergessens der täglichen Einnahme wurde bei der Pressekonferenz als spezieller Vorteil bezeichnet. Husslein: "Es hat sich gezeigt, das unter den Anwenderinnen der 'Pille' ein nicht unbeträchtlicher Prozentsatz Probleme mit der täglichen Anwendung hat. Fast 50 Prozent berichten, dass sie eine oder mehrere 'Pillen' vergessen haben. Und noch immer ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schwangerschaften ungewollt."

Gynäkologin: "Selbe Einschränkungen wie bei oralen Kontrazeptiva

"EVRA ist ebenso sicher wie die 'Pille'. Das Verhütungspflaster wurde in klinischen Studien an 3.300 Frauen über 22.000 Zyklen hinweg und mit rund 70.000 Pflastern untersucht. Die Ablöseraten des Pflasters lagen zwischen 1,8 und bei mehr Erfahrung nur noch 0,6 Prozent. Es ist in den USA innerhalb nur eines Jahres zum am zweithäufigsten (von Ärzten, Anm.) verordneten Verhütungsmittel geworden", erklärte bei der Pressekonferenz die Wiener Gynäkologin Univ.-Prof. Dr. Doris Gruber.

Haut-Unverträglichkeiten hätten - so die Expertin - in weniger als zwei Prozent zum Abbruch der Anwendung geführt. Kopfschmerzen traten bei 1,5 Prozent und Übelkeit bei 1,8 Prozent der Benutzerinnen ein. Univ.-Prof. Dr. Doris Gruber: "Das ist im Rahmen des Üblichen."

Das Verhütungspflaster als hormonelle Methode der Kontrazeption ist laut den Fachleuten für alle Frauen geeignet, für die auch die "Pille" in Frage kommt. Allerdings, langjährige Raucherinnen, Frauen mit Neigung zu Thrombosen etc. sollten vorsichtig sein bzw. kommen dafür nicht in Frage. (APA)

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