Kommentar: Obergehrergeil!

26. August 2003, 20:33
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Diesmal war es Kanzlers Liesl, die nach dem Beginn einer Wertediskussion lechzte

Bei all dem Unglück, das die schwarz-blaue Lebensabschnittspartnerschaft mit ihren Reformen über das Land bringt - gelegentlich fühlt man sich doch von der Schrulligkeit erheitert, die hinter ihrer sozialpolitischen Schäbigkeit hervorschimmert und ihren Teilnehmern jene Aura von Unschuld verleiht, in die sich Gottsucher so gerne hüllen. Rätselhaft bleibt nur, warum ausgerechnet solche Menschen von dem unstillbaren Verlangen getrieben sind, statt die Arbeit proper zu erledigen, für die sie gut bezahlt werden und einmal hohe Pensionen kriegen, ständig "Wertediskussionen" vom Zaun zu brechen und diejenigen, die sie bezahlen, mit ihrer Weltanschauung zu belästigen.

"Was macht das Leben lebenswert?"

Diesmal war es Kanzlers Liesl, die nach dem Beginn einer Wertediskussion lechzte, was, da bei den Alten Hopfen, Malz und Lendenkraft ohnehin schon verloren sind, in eine Kopfwäsche für die Jugend münden musste. Schließlich ist sie ja ministeriell für dieselbe irgendwie zuständig, was aber Vertrautheit mit deren Lebensumständen nicht erforderlich macht. Vorurteile reichen. "Was macht das Leben lebenswert?" schickte sich die Unterrichtsministerin an, eine wohl nur individuell zu beantwortende Frage rhetorisch so zu verallgemeinern, dass man sie der juvenilen Menschheit überstülpen konnte: "Etwa wenn man von Party zu Party rauscht?" O nein, ihr jungen Leute, frisch auf, ans Werk: "Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist gesichert, wenn ein Land Kinder hat."

Christlichsozialer Lebensborn

Dieser Triumph der Binsenweisheit über den durchschnittlichen Menschenverstand erklärt auch gleich, warum sich die Menschen in der Dritten Welt über ihre Zukunft keinerlei Sorgen machen müssen. Nur die Menschen in Nordamerika, Europa und speziell in Österreich haben eine miserable Zukunft vor sich, weil bei ihnen der Kindersegen so schief hängt, dass Frau Gehrer sich berufen fühlt, zur Umgestaltung des Landes in einen christlichsozialen Lebensborn aufzurufen. Dass ein FPÖ-Jugendsprecher der Idee so viel abgewinnen kann, dass er gleich höhere Steuern auf Verhütungsmittel fordert - wen überrascht 's?

Eine Ministerin, die einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, dass die durchschnittliche Kinderzahl eines Landes von langfristigen gesellschaftspolitischen und kulturellen Faktoren abhängt, die weder durch Gebärprämien noch durch Zukunftsangst schürende Appelle zu beeinflussen sind, sondern glaubt, es genüge, jugendliches Rauschen von Party zu Party zu unterbinden, und unsere Pensionen wären gesichert - eine solche Ministerin sollte sich mehr der Pflege des Volksliedes als der des Volkskörpers widmen. Warum wahre Begabung brach liegen lassen?

Warum sollten Frauen Kinder wollen?

Und warum sollten berufstätige Frauen in Österreich mehr Kinder wollen? Gerade für neun Prozent der Kinder unter drei Jahren gibt es hier zu Lande einen Betreuungsplatz. Die kaum regierungsfeindliche Staatssekretärin Haubner sprach soeben von 48.000 fehlenden Kinderbetreuungsplätzen, weitere 42.000 seien mangelhaft. In Schulen fehlen 27.000 ganztägige Betreuungsplätze. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt Besorgnis erregend an, es gibt zu wenige Lehrstellen, und was der Jugend an den Unis geboten wird, könnte Frau Gehrer ahnen. Aber was soll 's - gibt Gott ein Haserl, dann gibt er auch ein Graserl, damit sind schon frühere Generationen gut gefahren. Gehrer vergisst nur zu erwähnen, dass schon diese nicht so viele Kinder gehabt hätten, wenn sie es hätten verhindern können.

Und was dieses nationale Gebärfreude dämpfende Rauschen von Party zu Party betrifft: In Discos, die auf sich halten, sind junge Leute, deren Wille zur Paarung endlich ein materielles Fundament hat, längst als Gruftis abgeschrieben. (DER STANDARD, Printausgabe 27.08.2003)

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